{"id":603,"date":"2024-06-29T06:00:37","date_gmt":"2024-06-29T05:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/anthroposophie.online\/WP\/?p=603"},"modified":"2024-09-04T16:56:24","modified_gmt":"2024-09-04T15:56:24","slug":"eine-kleine-liebeserklaerung-an-georg-maier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anthroposophie.online\/WP\/blog\/eine-kleine-liebeserklaerung-an-georg-maier\/","title":{"rendered":"Eine kleine Liebeserkl\u00e4rung an Georg Maier"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-post-author\"><div class=\"wp-block-post-author__content\"><p class=\"wp-block-post-author__name\"><a href=\"https:\/\/anthroposophie.online\/WP\/blog\/author\/autor-andreas-heertsch\/\" target=\"_self\">Andreas Heertsch<\/a><\/p><\/div><\/div>\n\n\n<p><em>Diesen Beitrag habe ich beim Totengedenken <\/em><a href=\"https:\/\/www.anthroposophie.ch\/de\/naturwissenschaft\/news\/artikel\/georg-maier-ein-physikerleben-fuer-die-aesthetik.html\">Georg Maiers (* 26. Mai 1933 \u202014. Juni 2016<\/a><em>) beigesteuert. Ich bringe ihn hier erneut, weil ich anregen m\u00f6chte, seine Gedanken zu einer Form der Geistesforschung in den aktuellen Diskurs miteinzubeziehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich vor 40 Jahren frisch nach Dornach kam, kam eine hier nicht genannt werden wollende Person von einem Zweigabend im Goetheanum, sichtlich desorientiert und erz\u00e4hlte: \u00abDu, da hat einer geschlagene 90 Minuten \u00fcber eine Pf\u00fctze erz\u00e4hlt, ich sage dir, 90 Minuten: nur Pf\u00fctze!\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abWie sah der denn aus?\u00bb, fragte ich zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abSo ein kleiner mit ziemlich wenig Haaren und Nickelbrille, hat immer erst am Ende des Absatzes gesagt, was er meint, aber das war dann auch nicht so richtig klar.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abSprach er oft in Ellipsen wie: \u2039nicht wahr?\u203a oder \u2039ich mein ja nur\u203a oder \u2039ich wollt nur mal sagen\u203a und macht dabei so ein bedeutungsvolles Gesicht?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abJa genau, und dann hat er \u00fcber Spiegelungen auf der Pf\u00fctze gesprochen und \u00fcber den Regen, der in die Pf\u00fctze tropfte, wei\u00dft du, lauter so selbstverst\u00e4ndliche Dinge. Daf\u00fcr gehe ich doch nicht in den Zweigabend!\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abDu, ich glaube, das war Georg Maier\u00bb, vermutete ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abJa? Kennst du den?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abJa, der betreut mit Jochen Bockem\u00fchl zusammen das Studien- und Forschungsjahr im Glashaus. Johannes (K\u00fchl) und ich machen bei ihm gerade (1982) ein Projekt.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abSag mal, ist der denn ganz normal?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abNein \u00fcberhaupt nicht, der ist so originell, dass ihn kaum einer versteht! Ich erkl\u00e4r dir jetzt etwas, was ich selbst erst in zehn bis zwanzig Jahren verstehen werde, aber das ist eben auch typisch f\u00fcr Georg Maier, dass man so seine Zeit braucht, bis man ihn versteht: Also, wenn er sich wie ein Kind \u00fcber eine Pf\u00fctze her macht, k\u00f6nnte man ja glauben, dass er das Wesentliche nicht vom Unwesentlichen unterscheiden kann. Aber das sieht nur so aus. In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt! Georg w\u00fcrde vielleicht sagen: \u2039Also diese Pf\u00fctze \u2013 nicht wahr \u2026\u203a Und das hei\u00dft dann: Diese Pf\u00fctze ist nicht eine Pf\u00fctze. Oder noch etwas ausf\u00fchrlicher: Wenn Georg \u00fcber diese Pf\u00fctze spricht, dann meint er genau diese Pf\u00fctze und nicht irgendeine Prinzip-Pf\u00fctze oder eine \u2039Pf\u00fctze an sich\u203a.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abNa, findest du das nicht ein bisschen pingelig?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00ab\u2039Ich mein \u2026\u203a, w\u00fcrde Georg vielleicht bedeutungsvoll andeuten. Das hei\u00dft dann soviel wie: \u2039Ja, richtig kleinlich!\u203a, aber um das zu verstehen, solltest du mal lesen, was Georg in seinem Grundsatzbeitrag \u2039<a href=\"https:\/\/www.viavita.de\/Georg_Maier__Forschung_als_Hinwendung...PDF\">Forschung als Hinwendung zur gegenw\u00e4rtigen Existenz<\/a>\u203a (1993) geschrieben hat. Lass dich von dem Titel nicht abschrecken! (Der Inhalt ist allerdings auch nicht so einfach verst\u00e4ndlich, aber viel einfacher als der Titel \u2026)<\/p>\n\n\n\n<p>Da vergleicht er die Naturwissenschaft mit dem alten Testament: Gesetze werden aufgestellt, die das Einzelne regeln und ordnen. Der Sonderfall ist st\u00f6rend und wird immer auf die allgemeinen Gesetze zur\u00fcckzuf\u00fchren versucht; nur wenn es gar nicht anders geht, m\u00fcssen die Gesetze erweitert werden. Und so ist das in der Naturwissenschaft auch: Naturgesetze bestimmen alles. Und dann fragt er: Wie s\u00e4he denn eine Naturwissenschaft des neuen Testamentes aus? Also eine Wissenschaft, wo der Einzelfall die Hauptrolle spielt. (Merkst du schon: Einzelfall \u2013 <em>diese <\/em>Pf\u00fctze?).&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Warum soll der Einzelfall so wichtig sein?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nun, wenn man Wesenserkenntnis treiben will, dann darf man wohl nicht auf das gehen, was alle gemeinsam haben, sondern muss gerade das Besondere aufsuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das braucht nat\u00fcrlich Unbefangenheit, aber es braucht auch \u2039Gel\u00e4ndekenntnis\u203a. Ich merke doch erst, was das Besondere ist, wenn ich das Allgemeine kenne. Dann kann aber diese Pf\u00fctze pl\u00f6tzlich ein Lichtspiel zeigen, einen Zauberhauch von Wachstumsstimmung oder sogar die Begegnung mit einem Wesen, das sich ihm gerade an <em>dieser <\/em>Pf\u00fctze in <em>diesem <\/em>Moment nahen wollte.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abAch so, aber warum sagt er das denn nicht? Ich habe ihn nicht von Wesen reden h\u00f6ren.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abWei\u00dft du, ich glaube, der Georg ist einerseits ein Mensch wie du und ich, aber daneben \u2013 oder dahinter \u2013 oder innen drinnen gibt es noch so einen elementarischen Mitbewohner, mit dem er oft Zwiesprache h\u00e4lt, der ihm auch die absonderlichsten Einf\u00e4lle zug\u00e4nglich macht.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abHat er das mal gesagt?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abNein, nie. Ich wei\u00df auch gar nicht, ob ihm das so wichtig w\u00e4re. Absonderlich sind die Einf\u00e4lle \u00fcbrigens nur f\u00fcr die, die sie nicht verstehen. F\u00fcr die \u00fcbrigen sind sie ausgesprochene Arbeitsaufforderungen. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00abAber wie ist das nun mit dem \u2039Mitbewohner\u203a?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abNaja, Georg kann auch ein Kobold sein: Einmal sagte er mir auf einer Exkursion: \u2039Es macht gar keinen Spa\u00df mehr.\u203a Ich sah ihn verschmitzt l\u00e4cheln. Ich unternahm einen Verst\u00e4ndnisversuch: \u2039Du meinst Deine Anspielungen?\u203a Er nickte, und das hie\u00df soviel wie: Wenn der andere gar nicht mehr merkt, dass ich etwas hinter dem meine, was ich sage, dann macht es keinen Spa\u00df mehr, etwas Hintergr\u00fcndiges zu sagen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abWar er denn ein Einzelg\u00e4nger?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abJa und nein. Durch seine Art, das hast du ja bemerkt, erntete er viel Unverst\u00e4ndnis \u2013 sogar du wolltest ihm schon eine Therapie empfehlen \u2013 aber in seinem Innern ist er radikal kommunikativ. Das Gespr\u00e4ch ist f\u00fcr ihn das Hauptforschungsinstrument, der Austausch mit dem Andersdenkenden. Das hat er oft betont und sich auch in Dornach und in der Naturwissenschaftlichen Sektion immer wieder daf\u00fcr eingesetzt. Gespr\u00e4che mit ihm sind meist augenzwinkernde Andeutungen, aber durch diese Funkeloberfl\u00e4che scheint jedes Mal der herzensgute Mensch, mit dem ich ohne Vorbehalte meine Lebenssorgen besprechen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt sollte ich ja eigentlich noch ein physikalisches Loblied auf ihn singen, denn seine Ans\u00e4tze in der Quantenmechanik beispielsweise oder seine Untersuchungen zur Farbenlehre, zur W\u00e4rmelehre, zur Zeit sprechen von intimer Kenntnis des physikalischen Gel\u00e4ndes. Aber das k\u00f6nnen andere besser besingen. Mir jedenfalls hat er mit seinem &#8222;Abschied von der absoluten Wahrheit&#8220; ein Gel\u00e4nder im weglosen Gel\u00e4nde geboten, das mir im rechten Moment Halt gab. Aber was es damit auf sich hat, das musst du in dem erw\u00e4hnten Artikel selber nachlesen! Ich finde, es lohnt sich \u2026\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Maier, G. (1993):<a href=\"https:\/\/www.viavita.de\/Georg_Maier__Forschung_als_Hinwendung...PDF\"> Forschung als Hinwendung zur gegenw\u00e4rtigen Existenz. In: Elemente d. N. 59<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesen Beitrag habe ich beim Totengedenken Georg Maiers (* 26. Mai 1933 \u202014. Juni 2016) beigesteuert. Ich bringe ihn hier erneut, weil ich anregen m\u00f6chte, seine Gedanken zu einer Form der Geistesforschung in den aktuellen Diskurs miteinzubeziehen. 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