{"id":624,"date":"2024-02-02T21:06:55","date_gmt":"2024-02-02T20:06:55","guid":{"rendered":"https:\/\/anthroposophie.online\/WP\/?p=624"},"modified":"2024-04-29T23:33:47","modified_gmt":"2024-04-29T22:33:47","slug":"leitsaetze-zur-meditation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anthroposophie.online\/WP\/blog\/leitsaetze-zur-meditation\/","title":{"rendered":"Leits\u00e4tze zur Meditation"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Dieser Beitrag von Rolf Heine und Andreas Heertsch entstand aus einer Anfrage der Tagungsverantwortlichen f\u00fcr die Michaeli-Welttagung 2023 am Goetheanum, in der die &#8222;Initiative anthroposophische Meditation&#8220; (fr\u00fcher Living Connections\/Goetheanum Meditation Worldwide) ein Forum mit dem Titel &#8222;Meditation!&#8220; veranstaltet hatte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Meditation!<\/h2>\n\n\n\n<p>Unter Meditation verstehen wir eine Form der Bewusstseinsschulung. Sie kann auf unterschiedliche Ziele inhaltlich und methodisch ausgerichtet sein wie z.B.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>K\u00f6rperliche und seelische Gesundheit<\/li>\n\n\n\n<li>Bewusstseinserweiterung, neue Wahrnehmungsqualit\u00e4ten, Zusammenwirken mit geistigen Wesen<\/li>\n\n\n\n<li>Verbesserung der mentalen Leistungsf\u00e4higkeit und Authentizit\u00e4t<\/li>\n\n\n\n<li>Wirksamkeit im Zeitgeschehen mit geistigen Mitteln<\/li>\n\n\n\n<li>Selbsterkenntnis<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Meditation ist ein Werkszeug, um sich solchen Zielen durch Bewusstseinskraft anzun\u00e4hern. \u201eWerkzeug\u201c ist dabei ein Bild, das zum Ausdruck bringt, dass Aktivit\u00e4t und K\u00f6nnen notwendig sind, um etwas ins Werk zu setzen. Ein anderes Bild ist die \u201eLandschaft\u201c, die es zu erkunden gilt, in der sich neue Ansichten und R\u00e4ume \u00f6ffnen, je nach Ort und Zeit, in der sich die Landschaft darbietet.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Werkzeug bedarf einer sachgem\u00e4\u00dfen Handhabung, und jeder Weg birgt Unvorhergesehenes. Jede \u00c4nderung der Bewusstseinsart, bedarf der wachen Beziehung zum Alltagsbewusstsein.<\/p>\n\n\n\n<p>Anthroposophische Meditation kn\u00fcpft an die dem Menschen vertrauten Bewusstseinskr\u00e4fte Denken, F\u00fchlen und Handeln an. Sie intendiert eine harmonische Entfaltung und Verst\u00e4rkung dieser Bewusstseinskr\u00e4fte. Eine harmonische Entwicklung ist vor allem dann gegeben, wenn die \u00dcbungs&shy;schritte in m\u00f6glichster Wachheit und Klarheit erfolgen, schrittweise das mehr traumartige F\u00fchlen beleben und schlie\u00dflich das Handeln mit Liebe durchdringen. Anthroposophische Meditation wird meist von weiteren \u00dcbungen begleitet, welche das harmonische Verh\u00e4ltnis von Denken, F\u00fchlen und Handeln unterst\u00fctzen. In der anthroposophischen Literatur werden \u00dcbungen dieser Art \u201eNeben\u00fcbungen\u201c genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Meditationswege wurden und werden in der Kulturgeschichte vielfach beschrieben. Anthroposophie versteht sich als Geisteswissenschaft. Als solche rezipiert sie alte und neue Meditationswege und stellt diese in ein Verh\u00e4ltnis zu ihrem eigenen origin\u00e4ren Ansatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Vielfalt der meditativen Ans\u00e4tze betont Anthroposophie diejenigen, die auf Erkenntnis ausgehen, sei es als Kontemplation (Betrachtung), Bildmeditation (aktive Herstellung innerer Bilder), als Wort- oder Spruchmeditation (Durchschreiten sich er\u00f6ffnender Bedeutungsebenen), als Bewegungsmeditation (ungeteilte Anwesenheit im bewegten Leib), oder als Situationsmeditation (Vergegenw\u00e4rtigung einer bestimmten geistigen Entwicklungsstufe). In jedem Fall geht es um ein waches Entwickeln des eigenen Bewusstseins.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Schritte auf einem bewusst gew\u00e4hlten meditativen Weg f\u00fchren, wenn sie sachgem\u00e4\u00df ausgef\u00fchrt werden, meist zu raschen, wenn auch manchmal zun\u00e4chst nur vor\u00fcbergehenden positiven Resultaten in Bezug auf Gesundheit, mentale Leistungsf\u00e4higkeit oder Erweiterungen des Bewusstseinshorizonts. Gleichsam im Schatten dieser positiven Erfahrungen, k\u00f6nnen aber auch Schwierigkeiten und Hindernisse auftauchten, zum Beispiel, wenn angestrebte \u00dcbungsziele nicht wie vorgestellt erreicht werden, oder wenn Schritte in der Selbsterkenntnis bedr\u00fcckende Schw\u00e4chen oder Schuldgef\u00fchle zutage f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Hindernisse k\u00f6nnen selbst den ernsthaft \u00dcbenden zweifeln lassen, ob der eingeschlagene Weg der richtige sei, oder ob man selbst geeignet oder bereit sei, die Strapazen einer meditativen Schulung durchzustehen. Neben erhebenden und erhellenden Momenten geh\u00f6ren offensichtlich Erlebnisse des (vermeintlichen) Scheiterns in das Erfahrungsspektrum postmoderner Bewusstseinsschulung.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle ernsthaften Meditationswege kennen Hindernisse dieser Art und bieten Hilfestellungen und Werkzeuge an, um durch immer reifere Erfahrung letztlich zum Erkennen des eigenen Wesens und der damit verbundenen Verantwortung f\u00fcr das eigene Lebensprojekt zu gelangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine ernstzunehmende Kritik an bewusstseinstransformatorischen Praktiken besteht darin, dass mit der allm\u00e4hlichen Ver\u00e4nderung des Bewusstseins der Beurteilungsma\u00dfstab f\u00fcr die Wirklichkeit der herbeigef\u00fchrten Erlebnisse verloren gehen k\u00f6nnte. Handelt es sich tats\u00e4chlich um die Erschlie\u00dfung neuer Bewusstseinsr\u00e4ume oder um Zerr&shy;bilder der Wirklichkeit? Entfremdet die meditative Praxis den Meditierenden von seinen pers\u00f6nlichen und sozialen Verantwortungen? Oder l\u00f6st sie gar die gesunde Pers\u00f6nlichkeitsstruktur auf und macht den Meditierenden gleichsam zum mani&shy;pulierbaren Avatar? Werden sich solcherma\u00dfen manipulierte Pers\u00f6nlichkeiten nicht zwangsl\u00e4ufig in sektenartigen Strukturen aus dem gesellschaft&shy;lichen Diskurs verabschieden und zur sozialen Spaltung beitragen, anstatt die angestrebte Befreiung und Gesundung des Individuums in Verantwortung f\u00fcr die Welt zu bef\u00f6rdern?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch um dieser Gefahr zu begegnen, fordert anthroposophische Meditation immer auch die kritische Reflexion der eigenen meditativen Praxis. Erst die Rezeption fremder Erfahrungen, ggf. deren Pr\u00fcfung, die Beschreibung eigener Erkenntnis- und Ver\u00e4nderungsprozesse und die Formulierung von Einsichten in angemessener und verst\u00e4nd&shy;licher Sprache berechtigen den meditativen Weg als einen geisteswissenschaftlichen Weg zu bezeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies gilt auch und im besonderen Ma\u00df f\u00fcr die Rezeption von traditionellen und gegenw\u00e4rtigen Anleitungen zur Meditation und das Verh\u00e4ltnis zu ihren Lehrern und Protagonisten. Diese sind dort zumeist am Beginn, aber auch f\u00fcr den Fortschritt in der meditativen Praxis unentbehrlich. Gleich einer Landkarte beschreiben sie unbekanntes Terrain und weisen auf Bemerkenswertes oder Gef\u00e4hrliches hin. Erfahrungsberichte dieser Art sollen mehr und mehr durch eigene Erfahrungen erg\u00e4nzt oder ggf. korrigiert werden. Wenn sie innerlich gepr\u00fcft und verdichtet wurden, k\u00f6nnen sie in den Diskurs mit anderen \u00dcbenden gebracht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Anthroposophische Meditation k\u00f6nnte so zu einer f\u00fcr unsere Zeit angemessenen Kulturtechnik entwickelt werden. Dies erscheint heute von besonderer Notwendigkeit, da KI, VR und das ambivalente Verh\u00e4ltnis ver\u00f6ffentlichter Meinungen zu Wahrheit und Wirklichkeit, eigene, weltferne Bewusstseinsr\u00e4ume erschaffen. Kann das Seelenleben des Menschen sich gegen diese Entwicklung abgrenzen und sich die eigene Urteilsf\u00e4higkeit erhalten? Kann Meditation im oben charakterisierten Sinn ein Mittel sein, um eigene, authentische innere Bilder gegen die suggestiven Bilder der mo&shy;dernen Medienwelt aufzubauen? K\u00f6nnen wir die sch\u00f6pferische Kraft unseres Denkens, F\u00fchlens und Handelns einsetzen f\u00fcr die Erkundung jener inneren Landschaften, deren Teil wir sind und aus der wir die Welt und uns selbst beurteilen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Leits\u00e4tze<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Im Zentrum der anthroposophischen Schulung steht der aus Erkenntnis handelnde Mensch. Meditation ist in dieser Schulung ein Mittel die Erkenntnisgrenzen in voller Bewusstseinsklarheit zu erweitern.<\/li>\n\n\n\n<li>In diesem Rahmen kann die Pflege von Meditationen in verschiedenen Richtungen Wandlungen hervorrufen: Zun\u00e4chst f\u00fchren \u00dcbungen der Achtsamkeit zu einem bewussteren Ergreifen der eigenen Leiblichkeit, sodass diese in ihrer gesundenden Kraft unterst\u00fctzt wird. Im Weiteren werden durch fortgesetztes \u00dcben Denken, F\u00fchlen und Wollen in ihren Eigen&shy;arten so gest\u00e4rkt, dass sie vom Erkennenden zu Wahrnehmungsorganen umgebildet werden k\u00f6nnen.<\/li>\n\n\n\n<li>Diese Entwicklung wird gesichert durch begleitende \u00dcbungen (\u201eNeben\u00fcbungen\u201c), die das Ziel haben, die Souver\u00e4nit\u00e4t des Erkennenden \u00fcber seine erstarkenden Seelenkr\u00e4fte zu wahren.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Meditierende kann im Verlauf der \u00dcbungen bemerken, dass sich sein Bewusstseinshorizont weitet, dass er sich \u2013 zun\u00e4chst fast unmerklich \u2013 in Verfassungen findet, die \u00fcber sein bisheriges Gegenstandsbewusstsein (blo\u00df vorstellendes Bewusstsein) hinausgehen.<\/li>\n\n\n\n<li>Diese Erlebnisse sind meist begleitet vom Gewahrwerden eigener Schw\u00e4chen, die mitunter sogar zun\u00e4chst diese neue Erlebnisqualit\u00e4t \u00fcberlagern k\u00f6nnen. Diese Schw\u00e4chen k\u00f6nnen sich in einer bizarren Gestalt, dem Doppelg\u00e4nger verbildlichen. Sie zeigen, dass die sich bilden wollenden Wahrnehmungsorgane Zerrbilder liefern, solange diese Schw\u00e4chen nicht gen\u00fcgend gemeistert werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Mit weiterer Entwicklung kann der \u00dcbende bemerken, dass diese Schw\u00e4chen sich ausnehmen wie die Bekleidung eines Begleiters (\u201eH\u00fcter der Schwelle\u201c), der die Erweiterung des Bewusstseins soweit begrenzt, dass die eigene Souver\u00e4nit\u00e4t angesichts dieser Schw\u00e4chen durch \u00fcbersinnliche Erfahrungen nicht gef\u00e4hrdet wird.<\/li>\n\n\n\n<li>In den Bereichen, in denen diese Souver\u00e4nit\u00e4t bereits gen\u00fcgend stabilisiert ist, wird dieser \u201eH\u00fcter\u201c zu einem geistigen Berater, der den Erkennenden begleitet, wenn er in der Lage ist Erfahrungen in der geistigen Welt zu machen und zu ertragen.<\/li>\n\n\n\n<li>Im Einleben in diese Welt kann sich der Erkennende in einem hierarchisch gestalteten Weltengrund getragen erleben und sich in einem Wesen finden, das seine weitere Entwicklung bei allen Schw\u00e4chen liebevoll bejaht. (Christus)<\/li>\n\n\n\n<li>In solchen Entwicklungsstufen werden Verantwortlichkeiten sichtbar, die dem aus Erkenntnis Handelnden zur Herausforderung werden, sich in seiner Umgebung zu engagieren. Eigene Entwicklung und \u00dcbernahme von Verantwortung scheinen sich wechselseitig zu bedingen.<br>In der Medizin kann Meditation zum Quell der Heilung werden; in der Landwirtschaft kann sie ein Handeln im Einklang mit Erde und Kosmos befeuern; in der Naturwissenschaft kann Meditation ein Handeln aus der N\u00e4he zu Naturwesen beispielsweise im Hinblick auf das Klima f\u00f6rdern; in der P\u00e4dagogik kann sie das Unterrichten aus den Entwicklungskr\u00e4ften des Kindes anregen.<\/li>\n\n\n\n<li>Solche Entwicklungswege f\u00fchren zu den Erkenntnisstufen Imagination, Inspiration und Intuition. Anthroposophie bietet hierf\u00fcr eine Vielzahl von Spr\u00fcchen, Bildern, Texten und Symbolen zur Meditation an. Ein besonderer Meditationsweg ist der sogenannte Seelenkalender, der den Jahres&shy;kreislauf in 52 Wochenspr\u00fcchen darstellt.<br>In der Freien Hochschule f\u00fcr Geisteswissenschaft wird mit einem inneren Entwicklungsweg in Form von 19 Meditationsstufen gearbeitet, die typische Situationen und Entwicklungsstufen vor und jenseits der Schwelle zur geistigen Welt beschreiben.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Beitrag von Rolf Heine und Andreas Heertsch entstand aus einer Anfrage der Tagungsverantwortlichen f\u00fcr die Michaeli-Welttagung 2023 am Goetheanum, in der die &#8222;Initiative anthroposophische Meditation&#8220; (fr\u00fcher Living Connections\/Goetheanum Meditation Worldwide) ein Forum mit dem Titel &#8222;Meditation!&#8220; veranstaltet hatte. Meditation! Unter Meditation verstehen wir eine Form der Bewusstseinsschulung. 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