Gedankenhellsehen – wie macht man das ?
Moderne heutige Geisteswissenschaft leistet, verglichen mit der alten Weisheitskultur, entscheidend mehr für die Lebenspraxis, denn sie kann die Geistesschau gezielt hervorrufen.
Der alte Weisheits-Sucher konnte den Erkenntnisvorgang kaum steuern. Er wurde von der Geist-Erfahrung aufgesucht und quasi überwältigt. Ihm wurden isolierte Resultate gegeben und erratische Aussagen gemacht, ganz ohne eine Begründung, ohne Anbindung an bestehende Einsichten.
Wahrsagekultur
Typisch dafür wäre etwa die chinesische Wahrsagekultur. Man legte Schulterblattknochen von Rindern oder Schildkrötenpanzer ins Feuer. Im Feuer bildeten sich auf den Knochen feine Risse und Flecken. Auf diese Linien-Omen kam es an. Man erriet, las und erschloss aus ihnen die Antworten auf seine Fragen. Und je schwächer im historischen Ablauf die eigentliche Schauensfähigkeit wurde, mit desto grösserer Intelligenzbemühung suchte man die Zeichen zu verstehen. Aus der endlosen hierfür aufgebrachten Interpretationsintelligenz entstand die überragende Kulturleistung der chinesischen Schrift, wie u.a. Dong Zuobin (1895-1963) nachwies.
Nicht viel anderes ging beim Schafgabenstengel-Orakel des I Ging vor sich. Von der Struktur her ist auch die Stundenschau, das Horoskop-Lesen der Chaldäer oder das Interpretieren des Lallens einer Pythia in Delphi nichts anderes. Immer identifiziert man irgendwelche omenartigen Zeichen, die unvermittelt aus einem Jenseits „gegeben“ werden. Der Rätselgegenstand wird dann von einer Vielzahl von immer klügeren Deutern interpretiert. Diese Interpretationsleistungen sind von grosser Bedeutung. Aus ihnen bilden sich die Schrift- und Deutungssysteme und eine erste Denkkultur.
Die eigentlichen Aussagen (die Knochenrisse, Trance-Aussprüche oder Sternenkonstellationen) treten unvermittelt, überraschend, unverbunden auf wie Botschaften, die von jenseits einer Mauer herübergeworfen werden. Und sie wollen als Anweisungen befolgt werden; sie wenden sich nicht an den Verstand des Fragenden. Sie wollen nicht „verstanden“ werden.
Die Interpretationen und Gedanken werden ihnen als ein eigentlich Fremdes hinzugefügt. Sie gehören zu der erwachenden Kultur des Eigen-Denkens, die mit der Achsenzeit (circa 600 v. Chr.) die Wahrsage-Kultur ablöst.
Die alte Geist-Erfahrung entfremdete den Schüler der Sinneswelt. Sie trennte irdische und geistige Kultur immer mehr. Heute kann die alte Art die geistig Suchenden nur zur einer Art Flucht aus unserer Zivilisation verleiten. Sie leistet eine moralische Stärkung, aber sie bleibt bei der konkreten Wirklichkeitserkenntnis allgemein, diffus, kann nicht helfen, ja macht hilflos. Um ihren eigenen Wert zu bekräftigen, leitet sie gerade zu dazu an, die irdische Kultur zu veröden.
Fokus auf irdische Gegebenheiten
Um die irdische Kultur spirituell zu steigern, muss man seine Erkenntnisorgane und Erkenntnismittel ganz konkret auf die einzelnen irdischen Gegebenheiten ausrichten können, quasi wie eine Lupe oder ein Fernglas nach Wunsch auf jede Einzelheit fokussieren. Wo immer man es braucht, bei der erzieherischen Idee für ein Kind, bei der Frage einer Neuinvestition, beim Lösen eines Konflikts in einem Kollegium, beim Designen eines Produktes, beim Antwortfinden auf sich ändernde politische oder geistige Lagen: die moderne Geisteswissenschaft setzt in Stand, quasi an jedem gewünschten Ort und unter jedem erforderlichen Blickwinkel eine Offenbarungsquelle, einen Schwellenort, ein einschlägiges Delphi herbeizurufen ~ im Tatensturm und im Hauptbahnhof.
Deshalb kann die moderne Geisteswissenschaft Erziehungswesen, die Künste und die Wissenschaften usw prinzipiell und weittragend erneuern. Das kann man aus dem Buddhismus heraus nicht, nicht aus dem Daoismus, nicht aus dem Kirchenwesen oder den alten Initiationsgilden. Sie alle können dafür keine genügend fokussierfähigen Gedankenhellsehorgane ausbilden.
Das Fokussieren ermöglicht, dass man Forschung betreiben kann, ganz nach dem guten Vorbild der Naturwissenschaften. Nicht vor allem das Jenseits entscheidet aus „unerforschtlichen Ratschlüssen“ was zu offenbaren ist. Nun wird die individuelle, vom Ich aufrecht erhaltene Suchrichtung entscheidend. Auf diese Suchrichtung des Individuums rechnet die geistige Welt. Ja, man kann sagen: Sie offenbart sich immer mehr nicht nur in Antworten sondern geradezu in Fragen. Sie inspiriert dem geduldig Forschenden die Fragen und bringt ihn dadurch weiter als die erratisch gegebenen Antworten, damals in der Empfindungsseelenzeit (bis 747 v. Chr.).
Fokussieren der Gedankenschau
Wie also nun fokussiert man die Gedankenschau? Zunächst einmal kommt es darauf an, den Bewusstseinsraum von den die Schau überdeckenden und verderbenden Bewusstseinsprozessen zu reinigen. Im Bewusstsein passieren ständig Dinge, die wie Schmutz auf der Lupe oder den Linsen des Mikroskops sind, die den inneren Labortisch vollmüllen. Diese vermüllenden Bewusstseinsvorgänge sind das normale Denken und das normale Wahrnehmen. Die muss man abstellen können. Erst wenn die „normalen“ Gedanken abgestellt sind, hat man den Bewusstseinsraum, in dem die Gedankenschau stattfinden kann. Dann kann man zusehen wie „Es denkt“.
Das ist nicht ganz einfach. Dazu braucht man den berühmten Willen im Denken. Der leistet, dass man einen Gedanken, der da im Bewusstseinsraum herumrumort, einfach willentlich vergisst, auswischt, entfernt. Viele denken, dass das nicht geht. Dann erzählt man den Witz vom rosa Elefanten: „Du kannst nur dann in die geistige Welt schauen, wenn du nicht an rosa Elefanten denkst. Also vergiss das nicht: nie an rosa Elefanten denken!“
Wenn man immer daran denkt, an rosa Elefanten nicht zu denken, kriegt man die störenden rosa Elefanten natürlich nicht aus dem Bewusstseinsraum heraus. Aber wenn man einfach aufhört ( Wille! Befehl! ) an rosa Elefanten zu denken, dann sind sie weg. Wetten dass?
Man darf es dann nur nicht mit dem normalen Bewusstsein überprüfen wollen. Dann lädt man alle die das geistige Labor so verschmutzenden Gedanken wieder ein, sich breit zu machen und dreht sich ewig im Kreise.
Nebenübungen
Um zum willentlichen Vergessen fähig zu werden, macht man eben die berühmten Nebenübungen. Erste Übung: ich platziere (Willensleistung!) meine Gedanken, ohne besonders auf ihre Inhalte zu achten. Ich emanzipieren mich von den Inhalten meines Bewusstseinsraumes und lasse mich nicht mehr von denen treiben. Ich organisiere meinen Bewusstseinsraum.
Zweite Übung: Ich fasse den Entschluss, etwas zu tun und dann vergesse ich aktiv diesen Entschluss. Tatsächlich hypnotisiere ich mich. Ich gebe mir einen posthypnotischen Befehl: „Erinnere dich um 4:00 Uhr daran, im Flur nachzusehen, ob die Schuhe ordentlich dastehen!“ Ich versenke den Bewusstseinsinhalt „Schuhe überprüfen“ tief in eine schlafende Bewusstseinsschicht. Und der verbleibt dann da, bis er um 4:00 Uhr „von selber“ auftaucht. Wenn ich in dieser Übung erfolgreicher werde, dann kann ich mich darauf verlassen, dass der ins Vergessen versenkte Bewusstseinsinhalt genau das tut, was ihm aufgetragen wurde.
– Die beiden Übungen setzen in Stand, den normalen Bewusstseinsstrom in der Seele trockenzulegen, also: das durchrauschende Zeug des normalen „Denkens“ und Sinneswahrnehmens zu unterdrücken.
Fassen wir nun vier Techniken genauer ins Auge, mit denen man das Gedankenschauen und Geist-Ertasten fokussiert einsetzt.
Die Grenzvorstellung – das Grenzerlebnis
Grenzvorstellungen sind Gedankenerlebnisse, Gedankenprozesse, in denen das normale Denken in sich selber erstarrt, nicht mehr weiterkommt. Die Ermahnung, nicht an rosa Elefanten zu denken ist eine solche Grenzvorstellung. Eine andere ist diese:
Die akademische Wissenschaft hat eindeutig bewiesen, das Erkenntnis nicht möglich ist, sondern nur eine Illusion.
In solchen Denkprozessen kommt das normale Denken an seinem Ende, an seine Grenze eben. Das Denken stoppt. Es stockt nicht durch einen Willensakt des Vergessens, sondern durch einen Denkknoten aus dem es sich mit seinen Mitteln ganz eindeutig nicht befreien kann.
Wenn nun die Aufmerksamkeit des Beobachters nicht erlahmt, dann bemerkt er, man möchte sagen um den Gedankenknoten herum, eine Wirklichkeit von einer Art, wie sie die normalen Gedanken einfach nicht kennen. Das Schauen fängt an.
Und nun kann man lernen, überall, wo man eine Frage an die geistige Welt hat, in diesem Frageraum Grenzvorstellungen zu bilden. Nehmen wir den Fall eines pädagogischen Problems. Wir können uns klar werden über alle die Umwelteinflüsse, die das Kind so handeln lassen: die Klassenkameraden, die Lehrer, die Eltern und so weiter. Wenn wir das intensiv gemacht haben, dann haben wir das Kind als Eigenwesen, als Selbstgestalter seines Schicksals gerade zu weggedacht, ausgewischt. – Und dann denken wir das Kind in all diesen Umwelteinflüssen selber tätig und denken alle anderen als Eigenverantwortliche weg. Je schmerzlicher wir erleben, wie diese beiden Gedanken sich gegenseitig ausschliessen, wie sie sich gegenseitig blockieren und stoppen, desto intensiver bereitet sich die Gedankenschau in uns vor.
Gong-An und Koan
Diese Denktechnik des bewusst herbeigeführten Grenzerlebnisses kennen wir in der Geistesgeschichte bereits als Gong-An (chinesisch) bzw. Koan (japanisch) aus der älteren östlichen Weisheit. In China wurde das wache irdische Denken inauguriert. Das war ein gewaltiger Fortschritt, aber es brachte auch die Gefahr mit sich, dass die Menschen schon damals ganz im irdischen Eigen-Denken wie eingekesselt wurden. Deshalb wurde seitens der Geisteslehrer des mittleren Weges die Bewusstseinsarbeit am Gong-An, dem für das irdische Denken unlösbaren Problem kultiviert. Das Tao Te King, die zentrale Schrift des neueren Taoismus, strotzt geradezu in jedem Vers von einer Fülle an Gong-An. So setzt es gleich ein:
„Der Weg, den man gehen kann,
ist nicht der eigentliche Weg.
Der Begriff, den man aussprechen kann,
ist nicht der eigentliche Begriff… „
Auch der Chan- und Zen-Buddhismus sind ohne Koan nicht zu denken.
Doch stand die Koan-Kultur Asiens auch unter dem Zeichen der alten Weisheit. Man verwendete das Grenzerlebnis nicht, um gezielten Forschungsfragen nachzugehen. Die Schüler arbeiteten sich an einem Gedankenknoten vielleicht 20 Jahre ab, um im entscheidenden Moment ein gesamthaftes Herausreissen ihres Ätherleibes aus ihrem physischen Leib zu erleben. Es wurde ihnen dann nicht eine Frage beantwortet, sondern quasi „alle Fragen“.
Wie Rudolf Steiner mit Grenzvorstellungen (Koan) arbeitet
Die moderne Geisteswissenschaft setzt Jahrhunderte des Arbeitens in den Naturwissenschaften voraus. Auf dieser Grundlage wird nun eine Zivilisation der fokussierten Anwendung der Geistorgane möglich.
Praktisch das ganze Vortragswerk Rudolf Steiners führt in mehr oder weniger herbe Grenzvorstellungen; in Knoten, in denen das normale Denken nicht weiterkommt. So ein Gedankenwerk wie die „Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik“ wird ja in weiten Teilen nicht verstanden, weil man meint der Vortragende wollte so verständlich wie möglich dem normalen Denken seine Pädagogik begründen. Oh, wie weit gefehlt! Der Pädagoge Rudolf Steiner tischt in 14 Rätselvorträgen einen unlösbaren, gordischen Gedankenknoten nach dem andern auf, einer unverdaulicher als der andere, um seine Zuhörer zum Schauen zu bringen.
Schluss – Urteil – Begriff
Nehmen wir den neunten Vortrag über Schluss – Urteil – Begriff. Da stülpt der Doktor den Jahrtausende alten Ur-Gedankengang der Logik komplett um ins Unverständliche: Das irdische Denken kann nur verstehen, dass man aus zwei Begriffen ein logisch richtiges Urteil begründen kann. Aus den Begriffen „sterblich“ und „Mensch“ ergibt sich die sichere, richtige Aussage: „Die Menschen gehören zu den Sterblichen“. Aber aus dem einen Urteil „Die Menschen gehören zu den Sterblichen“, aus diesem Urteil kann ich keine Aussage über die Sterblichkeit oder den Menschen gewinnen. Das leistet dass irdische Denken schlicht nicht. Wer etwas anderes behauptet, der schwätzt.
Und das gleiche gilt für den Schluss. Habe ich aus den Begriffen „Individuum Carius“, „Mensch“, „Sterblichkeit“ die zwei Urteile gebildet
„Cajus ist ein Mensch“ und „Menschen sind sterblich„,
dann kann ich aus den beiden Urteilen den Schluss ziehen
„Also ist Cajus sterblich„.
Es führt aber für das normale, gehirngebundene Denken keine logische Operation vom Schluss, dass Carius sterblich sei, zu den Urteilen, dass Menschen sterblich wären und dass Carius ein Mensch sei. All das kann man für das gehirngebundene Denken nur aus den zugehörigen Begriffen in der gewohnten Schlussrichtung erfahren, nicht aber rückwärts. Für das gehirngebundene Denken ist Rudolf Steiners Vortrag unverständlich. Und das soll er auch sein. Er soll ein Grenzerlebnis hervorrufen.
Steiner spricht gar nicht für das gehirngebundene Denken. Er führt es an die Grenze um es
- auszuschalten und
- um durch Gedankenschau erfahrbar zu machen, was in dem Denken jenseits des Gehirns, in dem Denken vor dem Gehirndenken realiter stattfindet.
Das All-Eine Wesen des Denkens
Er schildert einen ersten Eindruck von demjenigen Denken, von dem es in der „Philosophie der Freiheit“ heisst, das ist für das gewöhnliche Bewusstsein nicht zu beobachten ist. Der für das gewöhnliche Bewusstsein unbeobachtete Anfang jedes wirklichen Denkaktes findet nämlich statt in dem all-einen Wesen des Denkens (Devachan). Das ist eine Welt: wie absolute Explosion und tiefste Ruhe und Stille zugleich. Da sind wir im Ausserzeitlichen, in dem alles mit allem in seiner Eindeutigkeit und Widersprüchlichkeit, seiner Wirklichkeit und Unwirklichkeit sich gegenseitig entfaltend erzeugt. Dort erschliesst sich das ganze All geistig und physisch wie in einem die Welt umformenden Blitz. Aus diesem momentanen unendlichen Bewusstsein holt sich der Denkende ein schon furchtbar reduziertes Gebilde heraus, seinen „Schluss“, in dem solche Inhalte wie „Mensch sein“, „Sterblichkeit“, „Individuum sein“ usw in einem umfassenden, quasi dialektischen Prozess sich gegenseitig
- definieren (begrenzen),
- charakterisieren,
- aufheben usw.
Die Intuitive Stufe der Gedankenschau
Das ist die intuitive Stufe der Gedankenschau. Das ist der Ort des Schliessens, von dem ersten Kapitel die Rede war. Das ist der Ort, wo ein Mozart alle Motive und Szenen aller nur möglichen „Zauberflöten“ vor sich hat. Das ist ein Ort wie ein Gewebe aus Blitzen.
Diese Tätigkeit des Schliessens schildert Rudolf Steiner noch einmal in einem genauer fokussierten Koan. Er sagt: „Diese Tätigkeit des Schliessens ist die allerbewussteste im Menschen.“ Eine Seite später lesen wir: „Sie wissen natürlich nicht, dass sie diese Tätigkeit fortwährend vollziehen.“ Ja was denn nun? Allerbewusstest oder unbewusst? Ein weiterer Gong-An! Ein genaueres Grenzerlebniss.
Wie bringt Denken Sinn zur Welt?
Das Schliessen ist ein ganz leibfreier Vorgang. Es muss nun der Weg gefunden werden, diesen Schlüssel immer mehr an den Leib heran zu führen, damit es am Ende am physischen Gehirn gespiegelt werden kann. Erst diese Spiegelbilder werden ja die Menschen bewusst.
Dieses An-den-Leib-Heranführen geht in zwei Stufen. Zunächst muss das Blitzwesen „Schluss“ in die Seelenwelt (auf den astralen Plan, in die Ätherwelt) herabgesenkt werden. Dort strahlt es sich ein in ein Lebewesen, den lebendigen Gedanken. Das blitzende Schlusswesen bekommt so etwas wie einen Zeitenleib. Die coincidentia oppositorum wird zu einem Lebensprozess, in dem sich die einander ausschliessenden Impulse in aufeinander folgende Zustände verwandeln wie
- Jugend – Alter
- erleiden – handeln
- lernen – lehren
- üben – können
- einatmen – ausatmen usw
Von allen möglichen Zauberflöten zur mozartschen
In der Seelenwelt wird aus allen potentiellen „Zauberflöten“ die eine, die Mozart schreibt und aufführt. Jetzt wird wichtig, wie die einzelnen Szenen auf einander folgen, wie sie sich gegenseitig im Einzelnen deuten, umdeuten, umgestalten, je nachdem sich Mozart entschliesst, gewisse Teile zu realisieren, andere zu verwerfen, sie schwerer und leichter zu gewichten. Dadurch wird die Oper zu einem lebendigen Wesen, ein Wesen mit eigenen Leben. Für dieses Leben ist massgebend, wie sich Mozart in verschiedenen Situationen zur Gestaltung entschliesst. Das Leben der Oper hängt davon ab, ob er Schritt für Schritt zu den richtigen Urteilen kommt und die Urteile zusammenpassen.
In der Seelenwelt verlangsamt sich das Denken zum bildenden Urteilen. Das Denken blitzt nicht mehr, sondern bildet, schafft Gebilde und bildet sie um, was soviel heisst wie: metamorphosiert sie. Das Denken wird zu lebenden Gestalten. Die Schau in diese Welt des „Urteilens“ hat Goethe mit seiner Naturwissenschaft entwickelt. Rudolf Steiner macht nun darauf aufmerksam, dass dieses bildende Urteilen den Gedanken schon soweit in das Leibesgefüge hinab versetzt wie die Gefühle in die Lebensprozesse des Leibes verwoben sind. Man kann diesen Vorgang auch so beschreiben, dass nunmehr die Gedanken den Menschen umgeben wie eine Aura, als seine Aura.
Wenn dann die Gedanken in Begriffe hineinkristallisiert werden, wenn also die Begriffe gebildet werden, dann wird zweierlei möglich. Der Gedanke, nunmehr „tot“ wie ein Kristall, kann am Gehirn gespiegelt werden und er wird (wieder ein gewaltiger Koan!) unmittelbar Leibbildend. Die Lebenskraft des Gedankens verbraucht sich, in dem er sich in die menschliche Gestalt bis in die Knochen hineinplastiziert und einkristallisiert.
In diesem 9. Vortrag gibt Rudolf Steiner die Koan, die, richtig erlebt, die Gedankenschau erwecken, mit der man die Entstehung der Gedanken bis in Weltenweiten und Leibestiefen verfolgen kann. Man versteht einen Vortrag Rudolf Steiners erst dann richtig, wenn man auf die zentralen und begleitenden Gong-An aufmerksam wird, mit denen der ja körperlich anwesende Geisteslehrer sich unmittelbar Schauen-erweckend an die Schüler wendet. Dann wird einem praktisch verständlich, weshalb er in „Von Seelenrätseln“ das denkerische Grenzerlebnis, die Grenzvorstellung als das eigentliche, zentrale Instrument der Geisteswissenschaft von verschiedenen Gesichtspunkten aus beschreibt. – So viel zu dieser Technik.