Anlass
Bei der 4. Konstitutionstagung hatte ich einen Beitrag zu diesem Thema vorbereitet. Durch eine Programmumstellung kam es aber nicht zu meinem Beitrag. Deshalb sei er hier – ausführlicher – publiziert.
Nach der Übernahme der Herausgeberschaft für diese Korrespondenzblätter wollte ich den Titel ändern in „Korrespondenzblätter für die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft“. Zu meiner Überraschung stiess ich bei einigen Autoren auf dezidierten Widerstand, da sie mit der Hochschule, wie sie gegenwärtig verfasst ist, schlechte Erfahrungen gemacht hatten. Dies veranlasste mich zu grundsätzlichen Betrachtungen über den Zustand der Hochschule und dazu, eine kleine Forschungsrunde ins Leben zu rufen, die sich mit den geistigen Hintergründen dieser Schule (übersinnliche Michaelschule) beschäftigt, da ich diese Hintergründe nicht nur mit Hilfe von Zitaten beschreiben mochte.
Ansatz
Ich werde im Folgenden hauptsächlich Selbsterlebtes erzählen, da ich den Eindruck habe, dass sich so manche(r) in diesen Erlebnissen wiederfinden können wird. Er oder sie wird nicht die gleichen Erlebnisse gemacht haben, aber ich hoffe, dass gerade diejenigen, die sich verärgert oder verletzt von der Hochschule abgewendet haben, im Beschriebenen (prinzipielle) Ähnlichkeiten entdecken können.
Vorgeschichte
Gemäss Hinweisen Rudolf Steiners (z.B. GA 240, 18.7.24) gab es eine Michaelschule im Übersinnlichen, in der die heutigen Verantwortungsträger auf ihre kommende Verkörperung vorbereitet wurden. Wenn man versucht, sich an die Lehrinhalte dieser Schule zu erinnern, so kann man sich bemühen, seine eigenen vorgeburtlichen Entschlüsse unter den von Rudolf Steiner beschriebenen Lehrthemen zu besichtigen. Diese Entschlüsse erscheinen einerseits als Ideale besonders in der Jugendzeit. Aber auch Lebensmotive, die während der Biographie an Stellenwert gewinnen, lohnen sich unter diesem Blickwinkel zu betrachten. In der bereits erwähnten Forschungsrunde wurde deutlich, dass die Wachheit für die Vielfalt der damals vermittelten Themen bei den damaligen Schülern recht unterschiedlich gewesen sein muss: Jeder hörte besonders das, wofür er „Ohren“ hatte. Und diese Ohren waren ebenso unterschiedlich: von hellhörig bis fast taub. So jedenfalls wird – prima vista – verständlich, dass wir uns hier unter den Repräsentanten so unterschiedlich vorfinden.
Gründung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
Rudolf Steiner gründet an der Weihnachtstagung 1923/24 diese Michaelschule als „Freie Hochschule für Geisteswissenschaft“. „Gründen“ meine ich in diesem Fall wörtlich: es ist ein (rosenkreuzerischer) Versuch, dieser Michaelschule ein irdische Einrichtung anzugliedern. Gemäss Mitteilungsblatt () sieht er die Arbeit mit den Jungmediziernern im Anschluss an die Weihnachtstagung bereits als erste Arbeit innerhalb der Hochschule, noch bevor er mit den Klassenstunden beginnt. Gemäss Statuten behält er sich die Ernennung eines Nachfolgers für die Hochschule vor. Er ernennt aber keine Nachfolger mit entsprechenden Folgen für die Verfassung der Allgemein Anthroposophischen Sektion. Die Hochschule sollte in 3 Klassen eingeteilt werden. Davon ist aber nur das erste Drittel der 1. Klasse durch ihn realisiert worden.
In der 19 Klassenstunde gibt er dann einen Ausblick auf die noch fehlenden Teile der 1. Klasse:
Wenn wir – was dann anzukündigen sein wird – im September wiederum uns finden zu diesen Klassenstunden, dann wird es der Wille der Michael-Macht sein, zunächst zu schildern die imaginativen Kultus-Offenbarungen vom Beginne des 19. Jahrhunderts. Das wird der zweite Abschnitt sein. Dasjenige, was an mantrischenWorten jetzt an unsere Seele gedrungen ist, es wird weiter in Bildern vor unserer Seele stehen, die – soweit dies möglich ist – Die heruntergestellten Bilder des übersinnlichen imaginativen Kultus vom Beginne des 19. Jahrunderts sein werden.
Das dritte Kapitel dieser Schule wird bilden dasjenige, was uns unmittelbar hinführen wird zu jenen Interpretationen, die da gegeben wurden zu den mantrischen Worten der übersinnlichen Michael-Schule des 15., 16., 17. Jahrhunderts.
Interessanter Weise gehen die Leitsätze (GA26) mit den Klassenstunden thematisch parallel. Wegen des Andrangs bricht Rudolf Steiner mit der 19. Stunde ab und wiederholt die mantrischen Situationen ab Stunde 1. In den Leitsätzen bricht er aber nicht ab, sondern setzt dort mit den Michael-Briefen fort: wohl ein thematisches Geländer für das, was er dann in der 2. und 3. Abteilung der der 1. Klasse mantrisch behandelt hätte.
Es ist bemerkenswert, dass Rudolf Steiner keine Stiftung (wie 1911) einrichtet, auch keine esoterische Schule (wie vor 1914) oder einen Orden, sondern kühn mit der Hochschule ein Gefäss wählt, das noch heute als Stätte der Forschung und des Fortschritts gilt. Dass diese Hochschule die Spezifikation „für Geisteswissenschaft“ trägt, wird dann aber über lange mehr und mehr in den Hintergrund treten.
Vorstand nach Rudolf Steiners Tod
Mit dem Tod Rudolf Steiners treffen die beiden ihm in verschiedener Weise nahe stehenden Frauen ohne seine Vermittlung aufeinander. Sie haben es nicht nur deshalb schwer, sondern sind auch von ihren geistigen Ansätzen geradezu diametral: Während Marie Steiner den Vorstand ohne Rudolf Steiner nicht mehr für esoterisch hält und ihn deshalb auch verlassen will, ist Ita Wegman vom Weiterwirken Rudolf Steiners im von ihm begründeten Vorstand fest überzeugt und setzt ihrerseits die von Rudolf Steiner begonnenen Briefe an die Mitglieder fort, was Marie Steiner aber nur anmassend finden kann.
Ita Wegman wurde von Rudolf Steiner für die Betreuung der 1. Klasse vorgesehen, Marie Steiner für die Betreuung der 2. Klasse. (Die 3. Klasse hätte Rudolf Steiner selbst betreut.) Da nur das erste Drittel der 1. Klasse besteht, fühlte sich Ita Wegman für den Fortbestand der Hochschule hauptverantwortlich. Als Alber Steffen die Gesellschaftsvorsitz übernimmt, beginnt das Verhältnis von Gesellschaftsührung und Hochschulführung problematisch zu werden. Ich werde hier auf die Details nicht im Einzelnen eingehen, sondern empfehle die Lektüre von Johannes Kiersch: „Zur Entwicklung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft – Die erste Klasse“ Er dokumentiert die Vorgänge minutiös.
Rudolf Steiner wollte nicht, dass seine Interpretation der Mantren vorgelesen wird. Er sagte dezidiert: „Die Texte gibt es nicht!“ Aber nach seinem Tod bürgerte sich (begonnen durch Ita Wegman in Paris 1925) schnell das Vorlesen dieser Texte ein, zunächst nur durch die Dornacher Vorstandsmitglieder, dann aber auch ausserhalb.
Während von Seiten des Goetheanum die Kontinuität der Hochschule gepflegt, teilweise beschworen wurde, betrachtete die Gruppe um Marie Steiner (später Rudolf Steiner Nachlassverwaltung) die Hochschule seit dem Tod von Rudolf Steiner nur noch als historische Einrichtung. Diese Sicht führte dann zum Bücherbeschluss: Im Goetheanum durften die „Editionen“ der Rudolf Steiner Nachlassveraltung bis nach Albert Steffens Tod (1963) nicht mehr verkauft werden. Besonders Rudolf Grosse (seit 19xx Vorstandsmitglied) versuchte dann die (auch) dadurch eingetretenen Spaltungen rückgängig zu machen. Da Herbert Witzemann (seit 19xx Vorstandsmitglied) die Zusammenarbeit mit einer Institution (Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung) verweigerte, die die Hochschule nur als historische, nicht aber als berechtigt weiterbestehende Einrichtung ansah, kam es schliesslich (1974) zu einer Beurlaubung Herbert Witzemanns aus dem Vorstand. (Die Details dieser Vorgänge hat Lorenzo Ravagli in seiner Monographie über die Geschichte der Gesellschaft1 detailliert dargestellt.)
Im Rückblick hat dieses tragische Schisma dazu geführt, dass wir eine Kontinunität der Hochschule und eine hochwertige Gesamtausgabe des Nachlasses Rudolf Steiners haben.
Dass das Lesen der Texte Rudolf Steiners an die Stelle von selbst verantworteten Interpretationen der Mantren trat, versetzte die Hochschule in einen Dornröschenschlaf. Gleichwohl war ich beeindruckt von einem Gespräch mit Paul Eugen Schiller. (Er wurde damals von Rudolf Steiner gefragt, ob er die Jugendsektion-Leitung übernehmen wolle, was er ablehnte mit der Begründung, dass dies sein Ingenieur-Studium verlängert hätte, was er seinen Eltern nicht zumuten mochte. So fragte Rudolf Steiner die gleichaltrige Altsprachlerin Maria Röschl.)
Im Gespräch kurz vor seinem Tod 1992 sagte er mir:
Herr Heertsch, wir konnten die Hochschule nicht weiterentwickeln! Wir konnten sie nur bewahren. Und das haben wir gemacht, so gut wir konnten.
Jörgen Smit
1975 wurden dann Jörgen Smit und Manfred Schmidt-Brabant in den Vorstand aufgenommen (weitere Vorstandsmitglieder damals: Rudolf Grosse, Friedrich Hiebel, Hagen Biesantz, beurlaubt: Herbert Witzemann)
Jörgen Smit übernahm die Jugendsektion. Das war insofern pikant, als es nun zwei Sektionsleiter für die Jugendsektion gab: Jörgen Smit und Herbert Witzemann, der zwar beurlaubt war, aber anstelle des in der Mitgliederversammlung 1978 von ihm erbetenen Rücktritts einen Rechenschaftsbericht seiner Jugendsektionsarbeit gab. Auf dem Hintergrund dieser Differenz hatten junge Leute, die mit beiden Sektionsleitern arbeiten wollten bei Jörgen Smit nicht immer einen leichten Stand.
Faust-Tagung 1978 (Dornach) / Kings Langley (GB)
In der Faust-Tagung 1978 lud der enge Mitarbeiter von Jörgen Smit (Michael Knaak) zu einer Arbeitsgruppe an den Leitsatzbriefen (GA 26), die sich auf die Jugendsektion beziehen, ein. Wir kamen damals zusammen und entdeckten, dass wir auf diesem Boden intensiv weiter zusammenarbeiten wollten. Sogleich wurden nächste Treffen verabredet (diese münden dann in regelmässig stattfindende Novembertagungen). Ein Höhepunkt wurde die 1978/79 stattfindende Jugendtagung in Kings Langley (GB). Jürgen Smit übernahm dann zusätzlich die Vortragszeiten von John Davy, der erkrankt war. Es war damals von Silvester auf Neujahr soviel Schnee gefallen, dass in ganz Mitteleuropa der Verkehr zusammenbrach. An diesem Neujahrsmorgen begann Jörgen Smit seine Ausführungen damit, dass er unseren Blick auf die vom Vortragssaal (Turnhalle) aus zu sehende märchenhaft glitzernde Schneelandschaft lenkte, um dann abrupt fortzufahren: It is not our task to be happy – we have much greater tasks!“ Und nun sprach er von Überschusskräften und Frontkämpfern des Geistes, mit denen er uns enthusiasmierte. Er brachte dabei das Kunststück fertig, uns zu Initiativen zu ermuntern ohne uns dabei irgendwie auf etwas einzuschwören oder anderswie in unsere Freiheit einzugreifen.

1. Sektionskollegium der Jugendsektion (19 Teilnehmer)
vl.n.r: Claudia Grah (später Grah-Wittich), Sanna Anderson, Nothart Rohlfs, Brigitte Haffner, Gerhard Wolber, Jean-Claude Lin, Andreas Worel, Nana Goebel Rembert Biemont, Erdmuthe Hoffmann (später Worel), Johannes Kühl, Andreas Heertsch.
Nicht im Bild: Paul Mackay, Ulrike Borkwart (später Mackay), Sebastian Hilbert, Justus Wittich, Peter Wege, Susanne Wege (später Lin), Michael Knaak
Die Arbeit verdichtete sich dann in Dornach. Johannes Kühl (späterer Leiter der Nat. wiss. Sektion) und ich hatten bereits im Sektionskollegium der Nat. wiss. Sektion mitgearbeitet und wussten um die Fruchtbarkeit einer solchen Einrichtung. Jörgen Smit stand einem solchen Kollegium zunächst skeptisch gegenüber: „Die Jugendsektion ist eine „Durchlaufsektion“, feste Formen wirken auf Nachwachsende tyrannisch.“ 1982 kam dann doch ein erstes auf 2 Jahre befristetes Jugendsektionskollegium zustande (ihm werden zwei weitere folgen). Ein Aspekt dieser Arbeit war: Vorbereitung einer Zusammenarbeit für die Kulmination der Anthroposophie am Ende des 20. Jahrhunderts. Diese Zusammenarbeit damals hat dann später doch nicht alle Entzweiungen verhindern können. Jedenfalls wurde schon in der damaligen Zusammensetzung deutlich, wie verschieden wir sind und wie unterschiedlich die Ziele.
Hochschularbeit mit Jörgen Smit
Parallel zur Arbeit in der Jugendsektion entstanden in Dornach auch Treffen für eine Arbeit an Fragen der Hochschule mit Jörgen Smit. Das führte zu Wochend-Treffen, bei denen Jörgen Smit dann die Mantren der jeweiligen Stunden aus seinen eigenen Erfahrungen interpretierte („freie Stunden“). Das war vor allen Dingen im Anfang nicht selbstverständlich, weil es einen Vorstandsbeschluss gab, keine freien Stunden abzuhalten. Andreas Worel erzählte auf einem Treffen (2024) der damaligenMitarbeiter von Jörgen Smit, dass Jörgen Smit dieser Entschluss nicht leicht gefallen sei: „Wenn ich mich dem Vorstandsbeschluss füge, kann ich auch nach Norwegen zurückkehren!“ So hält er zu unserer Begeisterung vor uns jungen Leuten Einführungen in den konkreten Umgang mit den Mantren. Eine kleine Episode möge seine „Geistgewalt“ beleuchten: Am Ende einer seiner Ausführungen stand dem Ausführen des Michael-Zeichens die Tafel im Wege: Er schlug – unfreiwillig – bei seiner Schlussgeste mit seiner Hand – Karate-Schlag-artig – gegen die Tafel, was einen ziemlichen Knall zur Folge hatte. Wir – vom Donner gerührt – erlebten es als Aufforderung in diesem Sinne wirksam zu werden.
Johannes Kühl erzählte dann bei einer Gelegenheit Rosemarie Bünsow (Kassel) von unserer Arbeit mit Jörgen Smit, die daraufhin dafür sorgte, dass er eine vergleichbare Veranstaltung in Marburg durchführen konnte. Damit war der Impuls über den Rahmen der Jugendsektion in die Welt getreten und bald folgten weitere Tagungsorte.
Johannes Kühl, Lieven Moerman und ich fanden nun, dass auch die weitere Hochschularbeit in Dornach nicht auf die Jugendsektion beschränkt bleiben solle und luden Menschen, mit denen wir uns eine Zusammenarbeit auf diesem Boden vorstellen konnten, zu einer solchen Arbeit ein. Von den Vorstandsmitgliedern sagte Jörgen Smit seine Mitarbeit zu. Diese „Montagsarbeit“ (wir trafen uns im Glashaus 14-tägig montags für 14 Jahre) war anfangs geprägt von einem bremsenden Jörgen Smit, so begannen wir zunächst eine Gesprächsarbeit ausserhalb der Mantren an dem Spruch: „Wo Sinneswissen endet…“ Auf Drängen der jungen Leute gingen wir dann zu einer Betrachtung der 3 Tafeln über. Noch immer konnten sich die Älteren eine Gesprächsarbeit an den Hochschulmantren selbst nicht vorstellen. Wir Jüngeren formulierten aber konkrete Verständnisfragen zu Wortlauten der Mantren, sodass wir uns schliesslich doch an solche Gespräche wagten. Es war damals nicht klar, ob solche Gespräche nicht zu einer Profanisierung der Mantren oder zu einer Behinderung beim eigenen Üben führen würde. Tatsächlich gab es dann im Laufe der Arbeit begeisternde Höhen aber auch peinliche Tiefen, für die man die Verantwortung gegenüber der geistigen Welt beschämt übernehmen musste.
Diese Arbeit ermutigte Jörgen Smit in seinen Wochenendtagungen auch für die Gemeinschaftsarbeit die Beschäftigung mit den Mantren zuzulassen.
Als wir in dieser Arbeit mit der Beschäftigung der 19. Stunde fertig waren, wurde sie abrupt dadurch beendet, dass plötzlich die Terminkalender keine neuen Termine her gaben.
Winterarbeit
Um den begonnenen Impuls weiterzuführen bat ich dann Hagen Biesantz und Georg Unger (damals Leiter der Mathematisch-astronomischen Sektion) zu einem Gespräch mit der Provokation: „Wir haben hier eine Hochschule, an der man nicht studieren kann!“ Das kam dem Anliegen von Hagen Biesantz entgegen, der in einem Wintersemester alle 19 Stunden bearbeiten wollte. So kamen wir auf die Idee, eine Winterarbeit (für Hochschulmitglieder) einzurichten. Die Verhältnisse waren damals so, dass eine solche Arbeit nur Gewicht gewann, wenn Manfred Schmid-Brabant sich ebenfalls engagierte. Tatsächlich kam im ersten Winter ein vielfältiger Strauss von Angeboten für eine solche Hochschularbeit zustande. Das Niveau war breit gefächert: Es reichte von einer freien Stunde von Friedrich Hiebel, der am Ende die von ihm beschriftete Tafel wieder abwischte, damit niemand auf die Idee komme (etwa durch Weitergeben seiner Skizze), dass dies von Rudolf Steiner stammen könnte, bis zu Darstellungen Friedrich Lorenz, der einen Bericht gab, welche Arbeiten gerade in seiner Med. Sektion durchgeführt werden.
Für den darauf folgenden Winter (1991/92) sah ich die Gefahr, dass sich dieser Impuls in Luft auflöse. Es waren keine weiteren Arbeitsgruppen geplant. In meiner Not beriet ich mich mit Jörgen Smit der, bereits tödlich erkrankt in der Wegman-Klinik lag. Nachdem ich ihm die Situation dargestellt hatte, dass ich wohl der einzige sei, der diesen Impuls noch im Fokus habe und ein Angebot für eine Weiterarbeit hätte, was aber mit ziemlicher Sicherheit Verärgerung erzeugen würde, war seine lakonische Antwort: „Einfach machen, einfach machen“.
Die Provokation gelang. Mein Verhältnis zu Manfred Schmid-Brabant war so, dass er sich durch meine Aktionen immer (wieder) veranlasst fühlte, seinerseits einzugreifen. So bot auch er eine Arbeit an, damit war der Bann gebrochen: Die Arbeit ging mit einem nicht mehr ganz so breiten Angebot weiter.
Initiative zur Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion
1992 waren Martin Barkhoff (damals Leiter der Wochenschrift) und ich mit der Leitung der Allg. Sektion, die damals vom Gesamtvorstand „verantwortet“ wurde, so unzufrieden, dass wir eine Reihe von Treffen im durch einige Persönlichkeiten2 erweiterten Hochschulkollegium erreichen konnten. Dass diese Sektion keinen eigenen Leiter hatte, hatte seine historische Ursache darin, dass diese Sektion von Rudolf Steiner geführt wurde. Man wollte nicht den Anschein erwecken, als ob hier Rudolf Steiner als Leiter abgelöst würde. Die Esoterik dieser Sektion sind die Klassenstunden. Da Rudolf Steiner seinen Nachfolger nicht benannt hatte, hatte man zu der Konstruktion Zuflucht genommen, dass der Vorstand als ganzer diese Sektion „führe“. Tatsächlich beschränkte sich aber diese „Führung“ auf das Abhalten von 4 Jahrestagungen zu den Jahresfesten.
Martin Barkhoff und ich haben, als wir befürchten mussten, dass diese Arbeit folgenlos bleiben könnte, dann ein Skizze3 vorgelegt. Diese Skizze enthielt Namensvorschläge für eine etwaige Sektionsleitung (gewisse Persönlichkeiten waren allerdings nicht vorgeschlagen). Manfred Schmid-Brabant neutralisierte unsere Skizze beim nächsten Treffen: „Unsere jungen Leute haben da eine Vorschlag gemacht, aber so geht das ja nicht….“ Das Gesamtergebnis war entsprechend: alles blieb beim Alten.
Diese Aktion hatte allerdings für mich noch ein Nachspiel, dass ich wegen seiner Paradigmatik hier nicht verschweigen will: Hagen Biesantz nahm mich anschliessend beiseite und sagte mir „im Vertrauen“: „Man hat den Eindruck, Sie wollen einen Thron bauen und sich dann draufsetzen.“ Meine Verärgerung war nicht hauptsächlich wegen der Unterstellung (natürlich gab es – bei gelassener Selbstbesichtigung – auch einen inneren Player in mir, der auf Anfrage wohl nicht „nein“ gesagt hätte), sondern weil ich dies als Führungsschwäche empfand: Anstatt mich herauszufordern: „Dann zeigen Sie mal, was in Ihnen steckt…“, wurde ich weiter bei jeder besseren Gelegenheit ausgebremst. Das lag natürlich nicht allein an der Führung, sondern ich war auch oft mehr als unbequem. (Jörgen Smit: „Initativen stören immer!“) Später wird mir Paul Mackay treffend sagen: „Andreas, pass auf, dass Du nicht Deine inneren Probleme aussen zu lösen versuchst.“
Gleichwohl lief die Winterarbeit weiter. In diesem Rahmen wies ich Manfred Schmid-Brabant darauf hin, dass ich in der Winterarbeit Hochschularbeit mitverantworte, aber zu den Kreisen, wo man sich über diese Verantwortung austauscht („Lektoren“), keinen Zugang hätte. So wurde ich dann zuständig für die Gruppenarbeiten am Goetheanum und Neuaufnahmen von Hochschulmitgliedern. Ausserdem schleuste mich Manfred Schmid-Brabant in den Schweizer Lektorenkreis.
Schweizer Hochschularbeit
Hatte schon die Goetheanum-Leitung mit mir Schwierigkeiten, so steigerten sich diese in der Schweizer Lektorenschaft. Ich merkte, dass die Auswahlkriterien für einen neuen Lektor darin bestanden, dass man ihm beim Lesen zuhören mochte. D.h. (oft streitbare) Avantgarde war nicht gefragt, sondern liebe Freunde, die sich von Konflikten hatten frei halten konnten. Das hatte verschiedene Folgen. Einerseits wurde durch die Arbeit von Jörgen Smit deutlich, dass das Lesen von Klassenstunden nicht in den Intentionen von Rudolf Steiner lag, dass er vielmehr erwartete, dass die Verantwortlichen aus ihrer eigenen inneren Arbeit den Hochschulmitgliedern den Zugang zu den Mantren erschlossen. Dieser ungleich höhere Anspruch war für viele Lektoren eine Überforderung und manche wehrten sich dann auch prinzipiell gegen das freie Halten von Klassenstunden. („Lieber das Original, als eine schlechte Kopie“) Tatsächlich war auch so manche „freie“ Stunde eher eine Paraphrase des bis dahin gelesenen Textes.
Darüber hinaus bildete sich eine Art „Sprengel“-Bewusstsein aus: Die einzelnen Lektoren waren für ihren Ort zuständig. Auch am Goetheanum wurden Stunden nur von Mitgliedern des Hochschulkollegiums gehalten. Jemand von ausserhalb konnte nicht ohne das Einverständnis des für den Ort zuständigen Lektors dort Hochschularbeit machen. Das führte zu Reibereien und Verärgerung, wenn Klassenmitglieder, die sich einen eigenen Ansatz erarbeitet hatten, diesen mit anderen teilen wollten. So entstand der Eindruck, dass hier eine Führungskaste ihre Pfründe bewahren wolle.
Ich war mit diesem Status quo zutiefst unzufrieden und bot dann als Perspektive ein Forschungsprojekt für die 19. Stunde mit Eurythmie für eine Schweizer Hochschul-Zusammenkunft an. (Vor dem Sprechen der jeweiligen Mantren gibt es einen stummen eurythmischen Vortakt.) Virginia Sease, die damals die Leitung der Sektion für redende und musische Künste inne hatte, hatte ich das Projekt im Sinne eines Forschungsprojektes dieser Hochschule vorgelegt. Sie entschied dann – wohl nach Rücksprache – dass ich dieses Projekt doch lieber mit den Lektoren (und nicht mit den Hochschulmitgliedern) durchführen solle. So konnte ich dann mit vier „Star-Eurythmisten“ der Goetheanum-Bühne und einer von Don Vollen dafür konzipierten Eurythmie in Winterthur von den Lektoren diese Stunden halten.
Bei der anschliessenden „Besprechung“ gewann ich den Eindruck, dass ich unter die „Gralshüter“ gefallen sei. Es wurde von zwei Ausnahmen abgesehen, gar nicht untersucht, was ich gemacht hatte, sondern ob ich so etwas überhaupt machen dürfe. („Keine Experimente mit der 19. Stunde!“) Selten wurde mir so die Leviten gelesen…. Leider war damals noch nicht bekannt, dass Rudolf Steiner selbst eine Eurythmieform für diese Mantren gegeben hatte.
Österreichische Lektorenschulung
Bei einem Lektorentreffen (1996) traf ich mit meinem Anliegen, dass es eine Lektorenschulung brauche, bei Helmut Goldmann (damaliger Generalsekretär der Österreichischen Landesgesellschaft) auf offene Ohren. So planten wir zusammen mit Ernst August Müller (meinem ehemaligen Chef an der Uni in Göttingen) eine solche Schulung soweit weg (von Dornach) wie möglich: in Kärnten, um auch den Lektoren in den östlichen Staaten Gelegenheit zur Teilnahme zu bieten.
Diese Arbeit intensivierte sich im Laufe der 16 Jahre, in denen sie jährlich in den Sommerferien für eine knappe Woche stattfand. Damit das Erüben freier Stunden und später auch anderer Arbeitsformen nicht zur Trockenübung gerate, waren zusätzlich auch Hochschulmitglieder eingeladen, die dann parallel, während die Lektoren sich trafen, eigenen Hochschularbeiten und Themen nachgingen.
In diesem Rahmen wurden neben den freien Stunden auch andere Formen (z.B. Interview, Gespräch zu viert, Hochschulgespräch, Eurythmie innerhalb der Klassenstunde) mit allen Anwesenden probiert. Da die nachträgliche Besichtigung einer solchen Arbeit in der Lektorenrunde immer an das Innerste des Verantwortlichen rührt, begannen wir damit, dass der jeweilige Verantwortliche selbst mit einer Betrachtung seiner Leistung begann. Damit wurde es überflüssig, auf Patzer und Bewusstseinslücken hinzuweisen, da sie dem Verantwortlichen fast immer schon bewusst waren. Gegen Ende der Arbeit gab es unter den Lektoren so viel Vertrauen, dass auch geistige Hintergründe thematisiert werden konnten. (Wer war aus der geistigen Welt anwesend?)
Veröffentlichung der Klassentexte
Mit der Veröffentlichung der Klassentexte 1992 entstanden neue Herausforderungen: Jeder konnte nun Hochschularbeit auf Grund der Texte durchführen. Das führte zu einer Polarisierung: Die Gralshüter und Sprengelverwalter wurden angesichts dieser Öffnung in Frage gestellt und pochten nun auf die Mitgliedschaft in der Hochschule und die Weitergabe von „Mund zu Ohr“4 Damit ging ein Ruck durch die Lektoren, sie benannten sich in Klassenbegleiter um und die Frage, worin das Essenzielle der Hochschul-Mitgliedschaft bestehe, bekam Aktualität. Virulent wurde das Problem an der Frage des Zeigens der blauen Karte5.
Die Kritiker der bisherigen Entwicklung lehnten das Vorweisen der Karte als Zulassungsbedingung rundweg ab, während andere sich auf die Besinnung des auf der Karte zu sehenden Hochschuleblems beim Eintritt in eine Hochschulveranstaltung stützten. Dass diese Hochschule auf den Zusammenschluss von Repräsentanten der Anthroposophie rechnete, die durch Zusammenarbeit die Kulturaufgaben dieser Hochschule zur und in die Welt bringen, leuchtete aber hie und da auf.
In dieser Zeit versuchte der Vorstand (in seiner Funktion als Leiter der Allgemeinen Sektion) eine Regelung zu installieren, die zu beschreiben versuchte, was einen damals noch Lektor genannten Hochschulbegleiter ausmache. Johannes Kühl und ich fanden diese „Verordnung“ einem freien Geistesleben unangemessen. Das führte dazu, dass der Vorstand die Verbesserung dieses Entwurfes an die einzelnen Lektorenkreise delegierte. In der Schweizer Lektorenschaft haben wir dann einen neuen Entwurf erarbeitet und an den Vorstand zurückgeschickt. Als dann bei der nächsten Lektorenversammlung dieses Thema überhaupt nicht zur Sprache kam, riss mir der Geduldsfaden: Ich gab mein Lektorenamt mit der Begründung zurück, dass ich über 15 Jahre mich um eine Arbeitsbeziehung mit (in meinem Schreiben an den Vorstand namentlich erwähnten) Vorstandsmitgliedern bemüht hätte, was mir nicht gelungen sei. Ich beschloss nur noch auf Anfrage mich zu engagieren und ging nun für 10 Jahre in „Quarantäne“.
Hochschularbeit ab 2000
Inzwischen wurde die Allgemeine Sektion mit Leitern versehen: Paul Mackay und Bodo von Plato. Auf Anfrage von Wirtschaftsleuten kam dann Initative Goetheanum Meditation Worldwide zustande, die sich durch Kooptation im Laufe der Zeit erweiterte. Sie besteht noch heute, seit 2023 unter dem Namen Initiative Anthroposophical Meditation (IAM) und arbeitet gegenwärtig an einem Handbuch Anthroposophische Meditation.
Nachdem Paul Mackay und Bodo von Plato als Vorstandsmitglieder von der Mitgliederversammlung 2018 nicht wiederbestätigt wurden, war die Allgemeine Sektion erneut ohne Leitung. Eine Findungskommission schlug dann für die weitere Leitung Constanza Kaliks, Peter Selg und Claus-Peter Röh vor, die dann diese Aufgabe gemeinsam übernahmen.
Hier war besonders Claus-Peter Röh für die sich aus der Hochschule ergebenden Aufgaben zuständig. Er hatte selbst schon vorher als Leiter der Pädagogischen Sektion neue Arbeitsformen für die Hochschularbeit inauguriert und gefördert. Nun zeichnete er sich auch dadurch aus, dass er Hochschularbeitsformen auch an anderen Orten wahrnahm. Mit seinem Rücktritt 2023 hinterliess er eine deutliche Lücke.
Seit der Jahrhundertwende zeigt sich, dass die Fähigkeit, für Übersinnliches zu erwachen immer mehr zunimmt. Dirk Kruse zeichnet in seinem Bericht diese Entwicklung nach. Es entstehen kleinere und grössere Kreise, die sich der Meditation widmen, um sie in die Gesellschaft zu integrieren. Nach anfänglichen Immunreaktionen ist heute der Umgang mit Meditation innerhalb der Gesellschaft besprechbar und handhabbar geworden.
Der Umgang mit diesen neuen Fähigkeiten ist allerdings in der Hochschule noch nicht selbstverständlich.
Hochschule in Entwicklung
Elisabeth Wutte und Günther Röschert gaben 2019 eine Sammlung von Essays heraus über neue Hochschulformen: Perspektiven freier Hochschularbeit6. Diese Sammlung wurde Seitens der Allg. Anthr. Sektion nie rezensiert und meine Rezension für die Zeitschrift Das Goetheanum deshalb zurückgehalten. Damit dieser Impuls weiter wirken kann, gründeten sie die Korrespondenzblätter für anthroposophische Hochschulfragen. Wegen des drohenden Todes von Elisabeth Wutte habe ich damals meine Mitarbeit angeboten, die dann dazu führte, dass nach ihrem Tod (2023) auch Günther Röschert sich aus der Herausgeberschaft zurückzog.
Ich wollte also diese Blätter dann in Korrespondenzblatt der Hochschule für Geisteswissenschaft umbenennen. Das stiess – wie oben erwähnt – auf deutlichen Widerstand bei der bisherigen Autorenschaft. Nach einigem Zögern entschloss ich mich, einen kühneren Namen zu wählen: Korrespondenzblatt für Geistesforschung.
Auch dieser Begriff hat eine schwerfällige Geschichte: Noch in den 80iger Jahren war Geistesforschung ein Anspruch, den nur Rudolf Steiner erfüllen konnte. Wer den Anspruch erhob, selbst Geistesforschung zu betreiben, galt als vermessen. Mittlerweile sind aber die Fähigkeiten übersinnlich wahrnehmen zu können im Zunehmen. Deshalb wird die Frage, wie man seine übersinnlichen Wahrnehmungen gegenüber Einbildungen sichern lernt, immer dringender. So will dieses Blatt der Bearbeitung dieses Fragenkomplexes dienen und den Austausch über neue Erfahrungszugänge fördern.
Im Anschluss an diese Sammlung entstand zunächst in Hamburg, später dann in Stuttgart eine laufende Arbeit: Hochschule in Entwicklung7. Hier werden Arbeitsformen mit den Hochschulmantren zugänglich gemacht, die traditionelle Hochschulbetreuer eher fremd anmuten: Die Situationen der Meditationen werden beispielsweise als Aufstellungen probiert oder auch als Mysterienspiel dramatisiert.
Diese Arbeit hat meines Erachtens ein Gewicht erreicht, das nach einem Austausch mit denen verlangt, die solchen Versuchen eher skeptisch gegenüberstehen.
Verhältnis der Hochschule für Geisteswissenschaft zur Anthroposophischen Gesellschaft
Gegenwärtig (2024/25) wird innerhalb der Mitgliederforen am Goetheanum (Moderation: Harald Jäckel) die Frage untersucht, wie das Verhältnis der Anthroposophischen Gesellschaft zur Freien Hochschule für Geisteswissenschaft sei. Diese Frage ist m.E. durch die Statuten klar geregelt: Die Anthr. Gesellschaft ist der Trägerverein für die Hochschule. Sie hat dafür zu sorgen, dass die Hochschule arbeiten kann. Was diese Hochschule bearbeitet und wie sie das macht, darüber können sich die Mitglieder der Gesellschaft zwar Ansichten bilden, aber sie haben keinen direkten Einfluss darauf. Die Hochschule muss gegenüber der Gesellschaft keine Rechenschaft leisten.
Dies ist die Sicht von der Gesellschaft auf die Hochschule. Die Sicht von der Hochschule auf die Gesellschaft sieht allerdings ganz anders aus:
Die Mitarbeiter der Hochschule tun gut daran, wenn sie sich für die Bedürfnisse und Anliegen der Anthroposophische Gesellschaft und ihrer Mitglieder verantwortlich fühlen. Wenn die Gesellschaft das Interesse an der Hochschule verliert (Elfenbein-Turm/unproduktiv/undurchsichtig etc.), dann führt das zu einer Schrumpfung der Gesellschaft und damit der Beiträge für die Hochschule.
Die Hälfte der Gesellschaftsmitglieder sind Hochschulmitglieder. Das wäre zu begrüssen, wenn das zu einer Intensivierung der Gesamtarbeit führte. Tatsächlich sind aber viele Hochschulmitglieder mit den Anforderungen, vor die sie sich durch die Hochschulmantren gestellt sehen, so überfordert, dass sie die weitere Mitarbeit sistiert haben.
In den 70iger und 80iger Jahren wurde die Zugangsbedingungen für Gesellschaftmitgliedschaft und Hochschulmitgliedschaft quasi vertauscht: Die Eintrittschwelle in die Gesellschaft war unnötig hoch, währen man nach 2 Jahren gern „Anthroposoph 1. Klasse“ wurde. Deshalb ist der Besitz einer Blauen Karte als Zeichen der Hochschulmitgliedschaft kein Hinweis auf die aktive Mitwirkung in dieser Hochschule. Hagen Biesantz erwähnte einst, man sollte Zertifikate auf Zeit ausgeben, sie müssten durch aktive Arbeit erneuert werden. Damals gab es aber noch Mitglieder, die eine von Rudolf Steiner unterschriebene Blaue Karte hatten, sodass er meinte, dass man diese jenen schlecht wegnehmen könne….
Konstitution der Hochschule
Wie gezeigt, ist die Hochschule frei, sofern sie genügend unterstützt wird. Wie aber ist die innere Struktur der Hochschule selbst. Rudolf Steiner richtet Sektionen ein und ernennt Sektionsleiter. Im Verlauf der (tragischen) Geschichte sorgen die Sektionen dafür, dass sie gegenüber den anderen Sektionen autonom bleiben.
Allerdings zeigt sich im Verlauf des Jahrhunderts, dass die Ernennung eines Sektionsleiters problematisch sein kann. Namentlich in den künstlerischen Sektionen werden Sektionsleiter „von aussen“ eingesetzt: Fachfremde (meist der Vorstand) bestimmen, wer die Sektion leiten soll.
Natürlich ist die Sektionsleitung eine Wer-Frage: Der Sektionsleiter bestimmt die Richtung und die Arbeitsweise der Sektion. Deshalb ist gerade die Ernennung eines solchen Leiters ein nicht zu unterschätzender Eingriff in Inhalte und Stil einer Sektion.
Beginnend mit der Naturwissenschaftlichen Sektion (ab 1950?) hat sich die Einrichtung eines Sektionskollegiums für die Unterstützung des Leiters bewährt. So kann eine Arbeitsbreite gewährleistet werden und die Sektionsleitenden können Aufgaben an Fachleute delegieren.
Auch die Ernennung eines neuen Sektionsleiters sollte mit den Fachleuten des Sektionskollegiums besprochen werden. So war etwa bei der Berufung von Johannes Kühl als Sektionsleiter der Naturwissenschaftlichen Sektion das Sektionskollegium einig, dass er die Nachfolge von Jochen Bochemühl antreten solle. Manfred Schmidt-Brabant, damals Vorstandsvorsitzender der Anthr. Gesellschaft wollte aber genau ihn nicht, da er keine „Clan“ wollte (Michaela Glöckler, Leiterin der Med. Sektion, verheiratet mit Georg Glöckler, Leiter der Math. Astr. Sektion, ist die Schwester der Frau von Johannes Kühl). Es bedurfte dann eines „Privatissimums“ von Ernst-August Müller (Leiter des Max Planck-Instituts für Stömungsforschung) mit Manfred Schmidt-Brabant, um klar zu machen, dass da das Sektionskollegium einer Meinung ist. In meinen Augen eine gesunde Entscheidungsfindung.
Allgemeine Sektion
Die jetzige Leitung der allgemeinen Sektion wurde durch eine Findungskommission vorgeschlagen und von der Goetheanum-Leitung bestätigt. Da es schon damals kein Sektionskollegium gab, war die Struktur dieser Sektion unübersichtlich bis desolat. So konnten die auf diesem Felde Arbeitenden nicht in die Beratungen miteinbezogen werden.
Die Sektionsleitung steht heute vor der Herausforderung eine überwältigende Fülle von Aufgaben und Arbeitsansätzen zu orchestrieren: Meditationsforschung, Karma-/Biographie-Forschung, Entwicklung von Arbeitsformen für die Hochschule, Entwicklung eines modernen Konzeptes für die „Hochschulbetreuer“, Ansätze für Geschichtliche Symptomatologie, Fragen um die Gestaltung eines Michaelfestes, Umgang mit dem neuen Hellsehen, um nur einige zu nennen.
Nachdem Claus-Peter Röh aus der Leitung ausgestiegen ist, stellt sich die Frage verschärft: Wer nimmt die laufenden Entwicklungen auf dem Boden der Hochschule wahr?
Auf Grund meiner Erfahrung aus der Mitarbeit im Sektionskollegium der Naturwissenschaftlichen Sektion und im Kollegium der Jugendsektion kann ich die Einrichtung eines Sektionskollegiums in der Allg. Sektion empfehlen. …
- Lorenzo Ravagli: Selbsterkenntnis in der Geschichte – Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert. Glomer-Verlag 2021; Bd. 2 S. 400ff ↩︎
- Zusätzlich zu den damaligen Sektionsleitern und Vorstandsmitgliedern nahmen teil: Martin Barkhoff, Rudolf Bind, Almut Bockemühl, Andreas Heertsch, Don Vollen, Ursula Zimmermann ↩︎
- Die Skizze hier als Erstveröffentlichung ↩︎
- Eine Formulierung Rudolf Steiners in den Klassenstunden, ↩︎
- Mit der blauen Karte wird die Hochschulmitgliedschaft bestätigt ↩︎
- Elisabeth Wutte / Günter Röschert (Hg) Perspektiven freier Hochschularbeit. Novalis-Verlag 2019, 368 Seiten. ISBN 978-3-941664-65-4 ↩︎
- Über diese Zusammenkünfte wurde in diesem Blatt mehrfach berichtet: 2023, 2024 ↩︎