Erstes Kolloquium zur übersinnlichen Wahrnehmung im Zweig am Goetheanum

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  • Beitrag zuletzt geändert am:30. April 2025
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Ersterschienen in Anthroposophie weltweit Nr 12/24 S. 6f

Bericht Thomas Meyer

Am 2. November 2024 fand in der Schreinerei im Goetheanum das ‹Erste Kolloquium zur übersinnlichen Wahrnehmung› statt. Zum ganztägigen Kolloquium hatte der Zweig am Goetheanum eingeladen. Referenten waren Frank Burdich, Corinna Gleide, Gunhild von Kries, Karsten Massai, Thomas Mayer und Dorian Schmidt, die seit Jahren Kurse in übersinnlicher Wahrnehmung geben und Bücher dazu geschrieben haben. Die Referent/inn/en erzählten in Podiumsgesprächen offen und persönlich von ihrem Werdegang, biografischen Klippen und der Methodik übersinnlicher Wahrnehmung. Diese sollte auch in praktischen Übungen erlebbar werden, deshalb gab es zweimal sechs parallele Workshops.

Viel Zuspruch

Das Kolloquium fand viel Zuspruch: Es sollte ursprünglich in der Halde stattfinden, dort wäre es aber für die 180 Teilnehmenden zu klein gewesen. Zum Glück war ein Wechsel in die größere Schreinerei möglich. Die Teilnehmenden kamen etwa zur Hälfte aus der näheren Umgebung des Goetheanum, die andere Hälfte war oftmals mehrere Stunden angereist. Viele brachten Vorkenntnisse zur übersinnlichen Wahrnehmung mit, sodass die Workshops auf hohem Niveau stattfinden konnten. Es ging um Fragen wie:

• Wie entsteht eine übersinnliche Wahrnehmung?

• Welche Rolle spielt die Individualität beim Wahrnehmen im Übersinnlichen?

• Wo liegen Quellen des Irrtums?

• Wie sieht eine wissenschaftlich begründete übersinnliche Forschung aus?

• Lässt sich eine Sprache finden, die einen Austausch eigener Erfahrungen so ermöglicht, dass Zuhörende in die Lage versetzt werden können, das Erzählte nachzuerleben?

Diese Fragen bedürfen dauerhafter Bearbeitung. Deshalb ist zu hoffen, dass es ein ‹Zweites Kolloquium› geben wird, zumal die Stimmung sehr offen, menschlich und erfrischend war. Essay zur übersinnlichen Wahrnehmung

In meinem Essay ‹Wahrheit in der Geistesforschung und der übersinnlichen Wahrnehmung›, den ich anlässlich des Kolloquiums verfasste, gehe ich ein auf die Fragestellungen ‹Was ist Geistesforschung und übersinnliche Wahrnehmung?›, ‹Was sind Quellen des Irrtums?› und ‹19 Kriterien zur Beurteilung geistiger Forschung.› | Thomas Mayer, Kempten (DE)

Bericht von Don Vollen

Der Zweigvorstand verwirklichte einen in der Anthroposophischen Gesellschaft überfälligen Impuls, das Phänomen übersinnliche Erfahrung weder zu isolieren noch zu verschweigen, sondern ihm am Podium das Wort zu übergeben.

Zur Einstimmung wurde eine Übung in gemeinsamer Stille vorgestellt und durchgeführt. Übereinstimmend zeigten die Wortmeldungen aus dem Publikum, eine solche verinnerlichte Besinnung kann in einem geschlossenen Raum unmittelbare und nachvollziehbare Wirkungen erzeugen. Fast wie abgesprochen bestiegen die Teilnehmenden das Podium in lockerer Alltagsbekleidung – sie betonten damit: Wir sind Praktiker und sprechen aus der Werkstatt, hier wird gearbeitet und nicht präsentiert. Sie kennen einander und stehen regelmäßig in gegenseitigem Kontakt. Sie sprechen miteinander über ihre Ergebnisse und vergleichen die Resultate. Es herrscht unter ihnen Akzeptanz und Respekt, auch dann, wenn die Mitteilungen nicht übereinstimmend sind.

Biografischer Hintergrund

Auch der biografische Verlauf dieser sechs Menschen zeigte Kongruenzen. Der Quellpunkt der Hellsichtigkeit urständete in der Vergangenheit, oftmals durch eine Erfahrung, deren Stärke überragend war und in dieser Intensität sich nicht wiederholte. Sie gab jedoch Anlass, die Selbstentwicklung, die aus Richtlinien von Rudolf Steiner stammt, konsequent weiter zu verfolgen. Die Sensibilisierung für Grenzphänomene bei Kindern und Jugendlichen, die in einer Musiker­ oder Künstlerfamilie aufwachsen, war vorhanden, aber nicht nur. Prägnant waren die Erzählungen der Eingeladenen, die bis zum Einbruch der Hellsichtigkeit eine rein materialistische Weltanschauung in sich trugen. Das Periodensystem und molekulare Bindungen, die die Welt zusammenhalten, waren der Inhalt ihres Alltags. Ein eindringendes parasinnliches Erleben änderte alles und führte zum Schulungsweg.

In Reichweite von allen

Zu den von Rudolf Steiner meist gelesenen Sätzen gehört dieser: «Es schlummern in jeden Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten erwerben kann.» (ga 10, 2018, Seite 16) Die Referentinnen und Referenten wiederholten am Podium: Erfahrungen sind für alle zugänglich, sofern die Aufmerksamkeit dafür geschult wird. Hierin liegt aber wohl die unübersehbare Polemik, die vielleicht erst an einem Folgekolloquium besprochen wird. Der erste Satz aus Rudolf Steiners ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?› führt zu einem Schwellenerlebnis und einer Begegnung mit dem Hüter der Schwelle. Vielleicht mit Ausnahme einer Zulässigkeit, zu Verstorbenen zu sprechen, zu lesen und sie gedanklich zu begleiten, ist von Rudolf Steiner selten ein sanfter Weg, der zu einem Schauen von Elementarwesen, der ätherischen Welt, von aurischen Erscheinungen an Menschen und Natur führt, skizziert. Andeutungen davon mögen im Vortragswerk vorhanden sein, diese fehlen jedoch in seinen zu Lebzeiten veröffentlichten Werken und in den vier Mysteriendramen. So bleiben die ermutigenden Voten vom Podium durchaus erfrischend wie potent, aber ihr Wahrheitsgehalt für jeden Menschen noch verborgen.

Praktische Übungen

In den Gruppen mit je rund 30 Teilnehmenden trat die Werkstatt nochmals deutlich in den Vordergrund: Es wurde weder diskutiert noch theoretisiert, sondern praktiziert. Erfahrungen wurden im Anschluss ausgetauscht. Ein schriftlicher Rückblick kann den intimen Ergebnisse und Wortmeldungen nicht gebührend Rechnung tragen und dennoch – ob es sich um ein Heranholen von Verstorbenen oder von positiven und negativen Energien, die wir in Fremdobjekte schicken, um diese wiederum in denselben Objekten zu erkennen, handelt – ist die überwiegende Übereinstimmung, dass die Phänomene wirksam im Raume sind, unüberhörbar. Die schüchterne, aber allzu bedeutende Wortmeldung einer Teilnehmerin, die nicht mit Sicherheit unterscheiden konnte, was nun aus der Erinnerung steigt und was tatsächlich übersinnliche Erfahrung ist, blieb unbeantwortet.

Umstritten war immer, ob die Mitteilungen über übersinnliche Erfahrungen einen Platz neben dem Werk von Rudolf Steiner haben. Der Vorstand des Goetheanum­Zweiges hat nun dieses Eis gebrochen. Kontrovers bleibt die Thematik jedoch. | Don Vollen, Dornach (CH)

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