aus Anthroposophie weltweit Nr. 12/25
Am 1. November 2025 fand in der Schrei-
nerei am Goetheanum das zweite ‹Kollo-
quium zur übersinnlichen Wahrnehmung›
statt. Der Titel war ‹Der heilige Moment
des Erkennens eines Irrtums›, eingeladen
hatte der Zweig am Goetheanum. Das
Kolloquium erhielt mit etwa 150 Teilneh-
menden aus dem ganzen deutschspra-
chigen Raum wieder viel Zuspruch.
Not, nicht verstanden zu werden
Referenten waren Anthea Bischof (Karma-
und Biografieberatung, CH), Corinna
Gleide (Meditationslehrerin und Autorin,
DE), Thomas Mayer (Meditationslehrer
und Autor, DE/CH), Annemarie Richards
(Frauenärztin und Psychotherapeutin, DE)
und Annette Saar (Gartenbaulehrerin und
Bildekräfteforscherin, DE). Sie schilderten
im ersten Podiumsgespräch sehr offen und
persönlich, wie sie ihren Weg zur übersinn-
lichen Wahrnehmung gefunden haben.
Sie erzählten an konkreten biografischen
Situationen von der Not, in Kindheit und
Jugend nicht verstanden zu werden und
daher nicht darüber sprechen zu können,
und von den Mühen und Früchten des
anthroposophischen Schulungsweges. Das
Buch von Rudolf Steiner ‹Wie erlangt man
Erkenntnis der höheren Welten?› (GA 10)
wurde mehrmals als wichtiger Wendepunkt
in der jeweiligen Jugendzeit genannt.
In zwei mal fünf parallelen Workshops mit
praktischen Übungen konnten die Teil-
nehmenden eigene Erfahrungen in der
übersinnlichen Wahrnehmung machen und
so zwei Referenten näher kennenlernen.
Irrtum als Ostergeschehen im Kleinen
Im zweiten Podiumsgespräch ging es um
einen Erfahrungsaustausch zum Erkennen
von Irrtümern. Die Referenten schilderten
konkrete Beispiele, wo Wahrnehmungen
zu früh ‹etikettiert› oder Dinge aus einem
zu eingegrenzten Überblick betrachtet
wurden. Ein ernsthaftes Bestreben, Irrtümer
zu vermeiden, wurde deutlich. Es ging um
viele kleine Griffe und Vergewisserungen.
Was denn nun aber die ‹Heiligkeit› des
Erkennens eines Irrtums sei, wurde im
Abschlussplenum gefragt. Thomas May-
er schilderte dies als Ostergeschehen im
Kleinen. Um einen Irrtum zu erkennen,
muss man zunächst bestehende Gedan-
ken sterben lassen (Karfreitag), dann
braucht es einen Verwandlungsprozess
(Karsamstag), sodass ein neuer wahrhaf-
tigerer Blick auferstehen kann, der sich
weit, frei und licht anfühlt (Ostersonntag).
Wunsch nach einer Geistgemeinschaft
Die Stimmung des Kolloquiums war sehr
dicht. Es ging in die Tiefe und war span-
nend. Es ging nicht um Selbstdarstellung,
sondern darum, voneinander zu lernen. So
entstand ein offener Hörraum und man
konnte sich frei äußern. Die biografischen
Schilderungen berührten und holten die
Teilnehmenden ab, die sich oftmals selbst
darin gespiegelt sahen und sich so zu Hau-
se fühlten. Eine Teilnehmerin sagte: «Das
Kolloquium war für mich tief berührend
und hatte etwas Zukünftiges für mich.
Könnten wir Mitglieder nur oft in einer
solchen Konzentration, im gleichen Atem, miteinander sein als eine Geistgemeinschaft.»
Der Zweig am Goetheanum hatte mit
folgender Intention zum Kolloquium ein-
geladen: «Seit Beginn dieses Jahrhunderts
treten vermehrt Menschen auf, die von
ihren übersinnlichen Erfahrungen und For-
schungen auf Basis des anthroposophischen
Schulungsweges berichten. Wir meinen, es
ist an der Zeit, dass wir diese Entwicklun-
gen des Bewusstseins vom Übersinnlichen
berücksichtigen und mutig einen gesunden
und sachlichen Boden für einen Austausch
über übersinnliche Erfahrungen anstre-
ben.» Für 2026 ist ein drittes Kolloquium
geplant.
Thomas Mayer, Gempen (CH)
Mutig, das Thema aufzugreifen
Der Zweig am Goetheanum erarbeitet zur
Zeit die Vorträge Rudolf Steiners über Wahr-
heit und Irrtum in der geistige Forschung
(GA 243). In diesem Zusammenhang hat
das Zweigleitungsgremium zwei Kolloquien
veranstaltet. Dazu gehört Mut, denn so
etwas ist seit Jahrzehnten anthroposophie-
intern umkämpft. Nun hat diese kritische
Haltung natürlich auch einige Berechtigung:
aus Erfahrungen der Vergangenheit und
aus von Rudolf Steiner selbst beschriebe-
nen Kriterien heraus, die hier nicht weiter
erwähnt werden müssen, da an anderen
Orten vielfältigst besprochen. Mein Ein-
druck ist, dass manches der Kritik doch
letztlich einen seelischen Charakter hat und
aus einem gewissen Gefühl persönlicher
Frustration hervorkommt («Nun mache ich
schon 50 Jahre lang die Übungen und habe
keinerlei übersinnliche Wahrnehmungen»).
Auf der anderen Seite wird von an prak-
tischer Esoterik interessierten Nicht-
Anthroposophen mit Recht gesagt: «Habt
ihr nur Rudolf Steiner selbst, der solche
Erfahrungen hat? Wie ist es denn bei euch
mit den Ergebnissen des in ‹Wie erlangt
man Erkenntnisse der höheren Welten?›
geschilderten Schulungsweges?»
Irrtum begegnen durch Austausch
Das zweite Kolloquium fand nun statt
mit fünf Persönlichkeiten, vier der fünf
Persönlichkeiten haben einen akademi-
schen Abschluss, was in diesem Zusam-
menhang nicht ganz unwichtig ist.
Mein persönlicher Eindruck, von dem
ich aber manches mit anderen Mitglie-
dern unseres Zweiges teile, wie sich in
der Nachbesprechung gezeigt hat:
Der erste Eindruck der Selbstdarstellung
der fünf Persönlichkeiten und der Be-
schreibung ihres Werdeganges in Bezug
auf übersinnliche Wahrnehmung war der
von Authentizität, Bescheidenheit und der
Tatsache, dass sie miteinander über ihre
Erfahrungen kommunizieren. Nun hat ja
mancher den Verdacht, dass Menschen
mit übersinnlichen Wahrnehmungen als
‹Gurus› auftreten – ‹Gurus› dulden keine
anderen ‹Gurus› neben sich, sondern nur
Schüler –, dies war aber nicht der Fall.
Bei einigen von ihnen war ein schon mit-
gebrachtes übersinnliches Wahrnehmen im
Kindesalter vorhanden, welches dann im
Weiteren in der Begegnung mit der Anthro-
posophie durch Schulung ausgebildet wurde.
Bei anderen wurden solche Fähigkeiten spä-
ter durch Schicksalsereignisse angeregt und
durch bewusste Schulung weiter ausgebildet.
Da die jeweiligen Ansätze sehr verschieden
sind und sich auf verschiedene Bereiche der
übersinnlichen Welt beziehen – wie das Äthe-
rische und Elementarwesen oder karmische
und Schicksalsfragen –, waren auch die me-
thodischen Ansätze, wie sie in den Gruppen
geübt wurden, sehr verschieden. Eine Gruppe
bewegte sich im Garten um das Goethea-
num, eine andere versuchte, individuell ein
Gefühl des Wohlwollens zu erzeugen, wel-
ches dann ‹räumlich› ausgeweitet und auf
den Ort des Goetheanum übertragen wurde.
Übersinnliches Wahrnehmen und Forschen
ist ebenso wenig irrtumsfrei wie sinnliches
Forschen. Eine Methode der fünf Persön-
lichkeiten, dieser Gefahr zu begegnen, ist
die des gegenseitigen Austausches. Irrtum
führt uns zur Freiheit, und das Erkennen
des Irrtums zur Wahrheit, welche ja ein
Wesen ist. Der Moment des Erkennens ei-
nes Irrtums ist deswegen ein heiliger (ein
heil-, da durch den Geist gesundmachen-
der), weil er nicht nur zur Wahrheit führt,
sondern auch zur Selbsterkenntnis und zu
einer demütigen Haltung auf dem Pfad.
Der Gesamteindruck der Veranstaltung,
die in der Schreinerei am Goetheanum
stattfand, war ein positiv anregender,
und damit hat der Mut der Veranstal-
ter gute Früchte getragen.
Michael Kientzler, GrenzachWyhlen (DE)