Michaels Zeichen – projektiv betrachtet
Das Zeichen Michaels, das am Ende jeder Klassenstunde in den Raum „gezeichnet“ wird, konkretisiert sich durch die individuelle Armbewegung des bzw. der Vorlesenden – es ist ein Bewegungszeichen. Im Kontext der projektiven Geometrie handelt es sich um eine „harmonische Grundfigur“: ein „vollständiges Vierseit“, das in ein „vollständiges Viereck“ verwandelt werden kann. Vollzieht man diese Verwandlung innerlich mit, wird erlebbar, wie „moralische Intuitionen“ zu freien, michaelischen Taten befähigen, wenn man sie mit „moralischer Fantasie“ ausführt.
In dem halben Jahr vom 15.2.1924 bis 2.8.1924 entfaltete Rudolf Steiner in 19 Klassenstunden den Schulungsweg der Michaelschule. Die Londoner Klassenstunde vom 27.8.1924 beendete Steiner erstmals1 mit Zeichen und Siegel Michaels, „gedrückt“ auf den dreifachen, durch unterstützende Gesten bekräftigten und seine Bedeutung erläuternden Rosenkreuzerspruch. Dabei kann einem die Bedeutung des Michaelzeichens zur Frage werden. Die nachstehenden Betrachtungen sind ein Versuch2, das Zeichen Michaels verstehen zu wollen, getragen von dem Erleben, dass insbesondere die projektive Geometrie zu dieser Frage etwas beizutragen hat.3
Michaels Zeichen

Abb. 1: Das Zeichen Michaels im Vierseit
Auf den ersten Blick umfährt man mit dem Michaelzeichen zwei Dreiecke und ein so genanntes „Drachen“-Viereck. Denkt man die vier Strecken projektiv als Geradenabschnitte, so hat man ein „vollständiges Vierseit“ vor sich – „vollständig“, weil sich die vier Geraden in sechs Punkten schneiden.
Geraden und Punkte sind in der projektiven Geometrie duale Elemente: Vier Geraden in allgemeiner Lage schneiden sich stets in sechs Punkten, und durch vier Punkte lassen sich immer sechs Geraden zeichnen.4

Abb. 2: Die harmonische Grundfigur
Verbindet man nun im obigen vollständigen Vierseit je zwei „gegenüberliegende“ Punkte durch drei Geraden, erhält man das „Nebendreiseit“ (blau), dessen Seiten sich in den drei Eckpunkten des „Nebendreiecks“ schneiden. Von jeder Ecke des Nebendreiecks lassen sich zwei weitere Geraden durch je zwei Punkte des vollständigen Vierseits zeichnen. Dadurch entstehen insgesamt sechs neue Geraden (grün), die ein vollständiges Viereck bilden (rot gefärbt), das ursprüngliche Drachenviereck umhüllend. Von diesem vollständigen Viereck ausgehend könnte man auf umgekehrtem Wege das ursprüngliche vollständige Vierseit mit dem Michaelzeichen darin konstruieren.
Den Zusammenhang von Vierseit und Viereck bezeichnet man als „harmonische Grundfigur“ – auch „13er-Gebilde“ genannt, denn zu den 4 Seiten des vollständigen Vierseits korrespondieren 6 Punkte, die auf den 3 Seiten des Nebendreiseits liegen, wobei die 3 Ecken des zugehörigen Nebendreiecks Anlass geben zu den 6 Geraden und den 4 Punkten des vollständigen Vierecks.
Die harmonische Grundfigur in der Ebene ist zu sich selbst dual: Alle in ihr vorkommenden Punkt- und Geradenvierlinge liegen zueinander „harmonisch“, das heißt entsprechende Geradenabschnitte stehen im „Doppelverhältnis“, das bei Zentralprojektionen unverändert bleibt.
Der Innenraum

Abb. 3: Im Michaelzeichen
Die Geste des Michaelzeichens drückt aus, wie aus moralischen Intuitionen5 – indem der Mensch sie individualisiert und konkretisiert – freie Taten werden. Folgt man der Bewegung, bildet sich dadurch das Drachenviereck, die seelische Mitte, aus der die Liebe zur Tat entspringt.
Kürzt man die Gesamtbewegung hingegen ab, indem die Intuition sogleich konkretisiert, aber nicht individualisiert wird, entsteht das obere Dreieck: Konkretisierung ohne Individualisierung ist ein Kennzeichen Ahrimans. Im abgekürzten Umfahren des unteren Dreiecks individualisiert man zwar, aber konkretisiert nicht und verliert sich im Luziferischen.
Thomas Meyer sieht im Zeichen Michaels ausgedrückt die Verbindung von geistiger und physischer Welt, die er polar gegenüberstellt.6 Es sei mir hier eine etwas andere Lesart des Michaelzeichens gestattet, denn getreu dem alten Grundsatz:
„Geist ist niemals ohne Materie,
Materie niemals ohne Geist„7
zeigt sich in der Bewegung zwischen Innen und Außen der Geist in der Materie, mit dem wir es auf der Erde wesentlich zu tun haben. Die beiden Versuchungen in Gestalt von Luzifer und Ahriman werden vom Michaelzeichen einbezogen – auch die Handgeste des Menschheitsrepräsentanten in der „Gruppe“ weist sie nicht ab, sondern bildet einen Innenraum, deutlich machend: Ich Bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.8 „Das Christliche aus dem Holz zu schlagen“, ist eine ständige Bewegung um die Mitte. Dem Wechselspiel zwischen Vierseit und Viereck in der harmonischen Grundfigur folgend (Abbildung 2), muss man auch das Umfeld des Michaelzeichens betrachten.
Der Außenraum
In seiner Philosophie der Freiheit9 skizzierte Rudolf Steiner 1894 die Grundzüge einer modernen Weltanschauung des freien Menschen, der aus moralischen Intuitionen heraus zu freien Taten in der Lage ist – das in diesem Sinne Tätigwerden in der Welt bezeichnete er kurz als „moralische Technik“. Intuitionen, die unmittelbar zu Taten veranlassen, hatte (und hat) der Mensch schon immer: Was ist also an einer solchen Weltanschauung „modern“?
Seit Beginn des Michael-Zeitalters (1879) ist der Mensch aufgerufen, die Technik (Kunst) freier Taten durch „moralische Fantasie“ zu kultivieren, mehr und mehr vom Zuschauer zum Mitgestalter des Lebens (insbesondere des eigenen Anschauens) zu werden. Ich möchte die drei dafür notwendigen Fähigkeiten Intuition, Fantasie und Technik im Umfeld des Michaelzeichens verorten, wie in der folgenden Abbildung dargestellt. Die Felder Intuition und Technik überlappen mit dem vollständigen Viereck, die moralische Fantasie nicht – die gilt es eben erst noch zu üben und zu entwickeln!
In der Allgemeinen Menschenkunde führte Steiner die Polarität von Vorstellung und Wille aus.10 Um etwas zu erkennen, es ins Bild und auf den Begriff zu bringen, bin ich antipathisch tätig. Mein Wollen hingegen sympathisiert mit dem Keimhaften, noch nicht Gewordenen, dem Möglichen, das für seine Realisierung Fantasie und imaginative Kräfte erfordert: Ich taste damit aus den mir möglichen Individualisierungen und den möglichen Konkretisierungen ab, wie aus meinen Intuitionen freie Taten werden können. Der Kultivierung moralischer Fantasie kommt daher in unserer Zeit eine besondere Bedeutung zu (Steiner widmete ihr in der Philosophie der Freiheit ein ganzes Kapitel) – sie wird einem nicht geschenkt, sondern muss selbstständig „aus dem Nichts“ geschöpft werden.

Abb. 4: Das Umfeld des Michaelzeichens
Indem sich Innen- und Außenraum des Zeichens ineinander umstülpen, wird moralische Intuition von michaelischer Kraft durchdrungen, mit der der Mensch moralische Fantasie zu schöpfen vermag.
Moralische Fantasie
Der freie Mensch findet die Kraft, die notwendig ist, um sich selber die Vorstellungen zu bilden, aus denen er moralische Intuitionen individuell und konkret verwirklichen kann.11 Dafür sind neben Kraft auch Wollen und Mut nötig, die der Zeitgeist Michael hinzubringt:
Er will angeschaut sein.
Er arbeitet mit den Folgen, nicht mit den Ursachen.
Er will erst den Gedanken.12
Im Pädagogischen Jugendkurs (1922) sprach Rudolf Steiner im Zusammenhang mit Erziehungsfragen von der Aufgabe unserer Zeit, Michael „einen Wagen zu bauen“:
„Michael braucht gewissermaßen einen Wagen, durch den er in unsere Zivilisation hereinkommt. […] Dazu brauchen wir lebendige Menschlichkeit, wie sie aus übersinnlichen Welten in das irdische Menschenleben sich hineinlebt und darinnen sich manifestiert.„13
Intuitionen werden durch moralische Fantasie zu freien Taten, wenn der Mensch sein Fühlen, Wollen und Denken verwandelt. Was sind Bedingungen für die moralische Fantasie, aus der Michaels Wagen gebaut ist?
Er will angeschaut sein.
Michael will befragt werden, was in meinem Leben vor der geistigen Welt als gerecht befunden wird. Doch er ist schweigsam und antwortet nicht. Kann ich den Hörraum halten? Kann ich mit offenen Fragen leben, der Nacht vertrauen, und aufmerksam darauf zuwarten, was sich mir in seinem Blick zeigt? Kann ich mir selbst das Wort erschaffen? Kann ich mein Fühlen von Sentimentalität befreien und es umkehren, so dass es herzlich, zu einem Wahrnehmungsorgan für Inspirationen wird?
Er arbeitet mit den Folgen, nicht mit den Ursachen.
Michael schaut auf das, was werden will und bereits latent vorhanden ist. Trägt mein Tun dazu bei? Bin ich in Kontakt mit meinem inneren, kosmischen Menschen, der durch mich hindurchgeht und meine spirituelle Biografie ins Erdenleben schreibt? Kann ich mich aus der Zukunft sehen? Kann ich mein Wollen umkehren, „weltenwilliger“ statt eigenwilliger werden, so dass es empfänglich und zu einem Wahrnehmungsorgan für Intuitionen wird?
Er will erst den Gedanken.
Michael prüft mich, ob ich mir meiner Gedanken und ihres Ursprungs bewusst bin: Was sind die Leitplanken meines Denkens? Denke ich ihre Begrenzungen mit, die Wirkungen meiner Gedanken, das Undenkbare? Kann ich die Perspektive wechseln und mich selbst wie einen Fremden anschauen? Kann ich bei meinem Denken verweilen und es umkehren, so dass es schöpferisch und zu einem Wahrnehmungsorgan für Imaginationen wird?
Es mag noch andere Bedingungen geben, doch schon im inneren Mitvollziehen des Michaelzeichens üben wir den Dreischritt von moralischer Intuition, Fantasie und Technik – die Kunst „lebendige[r] Menschlichkeit, wie sie aus übersinnlichen Welten in das irdische Menschenleben sich hineinlebt und darinnen sich manifestiert.“ Die beweglichen Gedankenformen der projektiven Geometrie sind ein Werkzeug, um diesen Prozess ins Bild zu bringen.
Jürgen Brau, im Juni 2025
Praxis Biografieberatung
- eventuell auch schon in der Londoner Klassenstunde am 25.8.1924 ↩︎
- Thomas Meyer hat zur „Formensprache des Michaelzeichens“ bereits einen Deutungsversuch unternommen, siehe: Der Europäer, Nr. 11, September 2009, S. 3-5 ↩︎
- alle Zeichnungen wurden vom Autor [JB] angefertigt ↩︎
- Das Quadrat zum Beispiel hat vier Eckpunkte und sechs Geraden (wenn man die beiden Diagonalen miteinbezieht), und die beiden parallelen Geradenpaare, auf denen die vier Quadratseiten mit den Eckpunkten liegen, weisen jeweils auf einen weiteren gemeinsamen, unendlich fernen Punkt. ↩︎
- „Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewusste Erleben eines rein geistigen Inhalts.“ (Rudolf Steiner in: Die Philosophie der Freiheit, GA 4, Dornach 1995, S. 146). Aus moralischen Intuitionen entspringt menschliches Handeln, im Unterschied zu solchen anlässlich einer Wahrnehmung. (Karl-Martin Dietz: Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit. Eine Menschenkunde des höheren Selbst, Edition Hardenberg im Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1994, S. 80) ↩︎
- a.a.O., S. 4 ↩︎
- Rudolf Steiner: Wahrspruchworte, GA 40, Dornach 1998, S. 136 ↩︎
- Johannes 14,6 zitiert nach Emil Bock, Urachhaus 1985 ↩︎
- Rudolf Steiner a.a.O ↩︎
- Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde, GA 293, Dornach 1992, S. 34 ff. ↩︎
- Karl-Martin Dietz a.a.O., S. 80 ↩︎
- Notizbucheintrag, Januar 1924, Rudolf-Steiner-Archiv Nr. NB 531 (Vorbereitung auf den 6. Vortrag vom 13.1.1924 in: Mysterienstätten des Mittelalters, Rosenkreuzertum und modernes Einweihungsprinzip, GA 233a) ↩︎
- Rudolf Steiner: Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben von alter und junger Generation, GA 217, Dornach 1988, 13. Vortrag vom 15. Oktober 1922 in Stuttgart, S. 192 ff. ↩︎