Auf den Spuren der Lebendigkeit
Ein methodologischer Essay zur Bildekräfteforschung
Die Bildekräfteforschung macht es sich zur Aufgabe, den Bereich des Lebens auf unserer Erde so zu erforschen, dass zu den naturwissenschaftlichen Disziplinen der Physik, der Chemie und der Biologie ein Verständnisbereich dazugesellt wird, der erlaubt, Lebendigkeit als unmittelbares Wirken von geistigen Gesetzmässigkeiten zu erleben. Dazu muss das begriffliche Auffassungsorgan, das Denken, zu einem Wahrnehmungsorgan für nichtsinnliche Erscheinungen des Lebens umgestaltet werden. Dieses Unterfangen wird u.a. anhand von Texten von SCHILLER, NOVALIS, RUDOLF STEINER und zuletzt HILDEGARD VON BINGEN beschrieben.
Das Körper-Geist-Problem
Am 26. Mai 1789, nur wenige Wochen vor dem Ausbruch der französischen Revolution, hielt Friedrich Schiller unter dem Titel „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ 1 seine berühmt gewordene Antrittsvorlesung als Professor an der Universität Jena. Mit seinem dramaturgischen Genie brachte er das überfüllte Auditorium zum Kochen und die Jenaer Studentenschaft feierte den Autor der „Räuber“ und des „Don Carlos“.
Bevor Schiller versucht, in Abgrenzung zur allgemeinen Weltgeschichte, die nur die Bruchstücke des geschichtlichen Stromes zusammensammelt, in der von ihm postulierten Universalgeschichte einen durch alle geschichtlichen Geschehnisse wirkenden Weltgeist zu finden, führt er eine polarisierende Unterscheidung zweier sich widerstrebender wissenschaftlicher Haltungen ein. Den Vertreter der einen Haltung nennt er den „Brotgelehrten“, ein „beklagenswerther Mensch, der mit dem edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will und ausrichtet, als der Taglöhner mit dem schlechtesten! der im Reiche der vollkommensten Freiheit eine Sklavenseele mit sich herumträgt!“ 2, den anderen den „philosophischen Geist“: „… Wo der Brotgelehrte trennt, vereinigt der philosophische Geist. Frühe hat er sich überzeugt, daß im Gebiete des Verstandes, wie in der Sinnenwelt, alles ineinandergreife, und sein reger Trieb nach Übereinstimmung kann sich mit Bruchstücken nicht begnügen. Alle seine Bestrebungen sind auf Vollendung seines Wissens gerichtet; seine edle Ungeduld kann nicht ruhen, bis alle seine Begriffe zu einem harmonischen Ganzen sich geordnet haben, bis er im Mittelpunkt seiner Kunst, seiner Wissenschaft steht und von hier aus ihr Gebiet mit befriedigtem Blick überschauet.“ 3
Damit hat er sich, man kann es sich denken, nicht nur Freunde gemacht. Nur ein paar Wochen darauf wird ihm das Führen des Titels „Professor für Geschichte“ untersagt. Er sei „nur“ für Philosophie eingestellt worden. Allerdings kann seine urbildliche Beschreibung dieser unterschiedlichen Blickweisen auf die wissenschaftliche Arbeit bis heute eine Grundlage für die Bildung weit über das Wissenschaftliche hinaus bieten.
Einer ähnlichen Polarisierung, und das ist hier das Wichtige, stellte sich Schiller zehn Jahre zuvor in seinen medizinischen Dissertationsversuchen, wo er zwischen einem „physiologischen Materialismus“ und einer „enthusiastischen Liebesphilosophie“, in der die überzeitliche menschliche Seele zum Ausdruck komme, zu unterscheiden sucht.4 Medizin und Philosophie waren in jenen Jahren eng miteinander verknüpft und beeinflussten sich gegenseitig, es war der Beginn des heutigen Naturalismus. Ärzte wie ALBRECHT VON Haller und andere vertraten einen „körpermaterialistischen Determinismus“, während die Anhänger des Hallenser Mediziners Stahl eine animistische Konzeption vertraten, „wonach die Seele den Körper regiere und somatische Erkrankungen auf seelische Ursachen zurückgeführt werden müssten“.5 Beide Konzepte konnten in ihrer Einseitigkeit den philosophisch geschulten und exakt beobachtenden SCHILLER nicht überzeugen. Daher widmete er seine medizinische Dissertation dieser Fragestellung und promoviert schlussendlich mit dem „Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen“. PETER SELG attestiert ihm, damit als einer der ersten neuzeitlichen Mediziner eine wirkliche Grundlage der psychosomatischen Medizin geschaffen zu haben.6
Vorangegangen waren schon zwei andere medizinisch-anthropologische Arbeiten SCHILLERs, eine „Philosophie der Physiologie“ und „Über die Unterscheidung von entzündungsartigen Fiebern und Faulfiebern“, die beide als Dissertation abgelehnt wurden. In der „Philosophie der Physiologie“, von der nur noch eine Teilabschrift erhalten geblieben ist, nimmt SCHILLER das damals philosophisch diskutierte Thema der Aufmerksamkeit auf und entwickelt daraus eine „tendenzielle Physiologie der Freiheit“ 7: „Alle Moralität des Menschen hat ihren Grund in der Aufmerksamkeit, das heisst im tätigen Einfluss der Seele auf die materiellen Ideen im Denkorgan.“ „Die Aufmerksamkeit (…) ist es, durch die wir phantasieren, durch die wir uns besinnen, durch die wir sondern und dichten, durch die wir wollen. Es ist der tätige Einfluss der Seele auf das Denkorgan, der dies alles vollbringt.“ 8
Aufmerksam sein
Die Aufmerksamkeit also ist es, die der menschlichen Geistseele im physiologisch-sinnlich geprägten Bewusstsein zur (uneingeschränkten) Geltung verhilft. Zehn Jahre nach SCHILLERs Auftreten in Jena arbeitet einer seiner damaligen Studenten, FRIEDRICH VON HARDENBERG, unter seinem Pseudonym NOVALIS an einem „naturphilosophischen Roman“, der leider Fragment bleiben musste. In den darin enthaltenen erkenntnismethodischen Beschreibungen erhält die Aufmerksamkeit, das durch Tätigkeit in die (organische) Körperleiblichkeit eingreifende Ich, ebenfalls seinen Platz als Schlüsselelement im menschlichen Bewusstsein. Anders als SCHILLER, der diese Verbindung in seinen mehr philosophischen und ethischen Dimensionen verfolgt, wovon seine „Ästhetischen Briefe“ und seine historischen Dramen zeugen9, wendet NOVALIS die Aufmerksamkeit auf sich selbst an und entwickelt daraus eine Methodik, die nun nicht nur die menschliche Wesenheit ins Auge fasst, sondern ebenso ihre vielfältige Verbundenheit mit der sie umgebenden Natur:
„Auf alles, was der Mensch vornimmt, muß er seine ungetheilte Aufmerksamkeit oder sein Ich richten, sagte endlich der Eine, und wenn er dieses gethan hat, so entstehn bald Gedanken, oder eine neue Art von Wahrnehmungen, die nichts als zarte Bewegungen eines färbenden (…) Stifts, oder wunderliche Zusammenziehungen und Figurationen einer elastischen Flüssigkeit zu seyn scheinen, auf eine wunderbare Weise in ihm.“ 10
NOVALIS hat nicht nur SCHILLERs Geschichtsvorlesungen besucht, er hat ihn bekanntlich zutiefst verehrt und pflegte auch persönlichen Kontakt zu ihm. Dass sein Romanfragment von Schillers Ballade „Das verschleierte Bild zu Saïs“ angeregt wurde, ist anzunehmen. Ob er das Konzept der Aufmerksamkeit ebenfalls von ihm übernahm, wissen wir nicht. Wesentlich ist, dass er die Aufmerksamkeit weiter entwickelt zu einer „ungeteilten“ und damit eine neue Erlebensdimension eröffnet und sie gleichzeitig methodisch fundiert. DORIAN SCHMIDT entschlüsselt in seiner aphoristischen, in dieser Sammlung abgedruckten „Erkenntnistheoretischen Wanderung“ 11 die hinter NOVALIS’ charakteristischer, märchenhaft anmutender Sprache versteckten präzisen methodologischen Hinweise zu einem vertieften Verständnis der Lebendigkeit der Natur und findet darin die Grundelemente der Bildekräfteforschung.
Aufmerksam denken
Wie DORIAN SCHMIDT ausführt, richtet NOVALIS seinen Auffassungssinn, die ungeteilte Aufmerksamkeit, weniger auf die inhaltlichen Vorgänge des denkenden Bewusstseins, auf das Zustandekommen von Begriffen und ihrer Verknüpfung mit gegebenen oder auftretenden Wahrnehmungsinhalten, sondern auf die Art und Weise, wie diese Gedanken und ihre Verknüpfungen zustandekommen, also auf die Prozessebene. Damit eröffnet er den Blick auf ein Feld von subtilen Beobachtungen, das unter dem Begriff der „Mikrophänomenologie“ im wissenschaftlichen Diskurs langsam ein eigenständiger Forschungsgegenstand zu werden beginnt.12
Wenn man seine (ungeteilte) Aufmerksamkeit auf die eigenen Bewusstseinstätigkeiten richtet, das eigene Denken also unter Beobachtung stellt, lassen sich zweierlei Phänomene bemerken: Erstens findet man sich selbst dabei als in einer Tätigkeit seiend, die sich von den üblichen psychischen Zuständen fundamental unterscheidet. „Während das Beobachten der Gegenstände und Vorgänge und das Denken darüber ganz alltägliche, mein fortlaufendes Leben ausfüllende Zustände sind, ist die Beobachtung des Denkens eine Art Ausnahmezustand.“ beschreibt RUDOLF STEINER diese Andersartigkeit in seinem Grundlagenwerk „Die Philosophie der Freiheit“. 13
Zweitens eröffnet sich in dem Gewahrsein dieses Zustandes eine Art Blick oder Empfindung auf die fundamentale Tatsache, dass man sich bei allen seelischen Verrichtungen wie „von außen“ auf sich selbst blickend und sich selbst beobachtend erleben kann. Man nimmt sich als Subjekt selbst als Objekt wahr. In spirituellen Traditionen wird dieses „Beobachter-Ich“ auch „innerer Zeuge“ genannt. 14
Die vom Denken selber hervorgebrachte Unterscheidung in „Subjekt“ und „Objekt“ findet beim Beobachten der eigenen Denktätigkeit in einem gleichsam identischen Bewusstseinsraum statt. Dies wird im psychotherapeutischen Kontext zwar anerkannt und als heilsam nutzbar gemacht, im wissenschaftlichen Methodenkanon galt es aber als verpönt und wird bis heute argwöhnisch beäugt.
In der Psychologie findet man inzwischen aber unter dem Begriff „Erste-Person-Forschung“ neue Ansätze, die an einer Durchdringung dieses Phänomens mit wissenschaftlichen Begriffen arbeiten. 15
Um einen Eindruck zu erlangen, welche Fülle an Phänomenen, methodischen Fragestellungen, Einsichten und auch Klippen bei der Durchführung und der Interpretation des Wahrgenommenen schon bei nur einem einzigen Selbstversuch auftreten, kann man folgendes Experiment unternehmen:
- Man stelle einen kleinen, möglichst einfachen Gegenstand, beispielsweise eine Glas- oder Metallkugel, in den Mittelpunkt der eigenen Vorstellung.
- Wo im räumlichen Verhältnis zum eigenen Kopf erscheint das Vorstellungsbild?
- Wenn es nicht schon im vorderen Gesichtsfeld verortet ist: Es soll nun mit etwas Abstand vor der Stirne zu liegen kommen.
Schon bei der Durchführung dieser drei Schritte, so selbstverständlich sie einem erscheinen mögen, kann deutlich werden, welche kognitiven und willensmäßigen Anstalten es braucht, um das hinzukriegen.
- Man beginne nun, das Vorstellungsobjekt langsam, aber möglichst stetig um den Kopf kreisen zu lassen, wie ein Satellit um die Erde. Es wandert also vom Stirnbereich zur einen Seite, dann weiter zum Hinterkopf, um dann die andere Seite zu erreichen, bis es wieder im Stirnbereich auftaucht. Ist das tatsächlich möglich? Was braucht es alles, damit das Vorstellungsbild seine Größe und Gestalt nicht ändert? Kann sich im Hinterkopfbereich ein Vorstellungsbild überhaupt halten? Warum ist das so schwierig? Stelle ich mir dabei noch das gleiche Bild vor, oder befinde ich mich schon in einer Vorstellung der Situation, nicht mehr beim Vorstellen des Objekts? Welche Gedanken erweisen sich als hilfreich, welche als Hindernis bei der Durchführung des Versuchs? Wie beeinflussen überhaupt Gedanken diesen Verlauf? Wer beobachtet, während ich mit der Aufgabenstellung beschäftigt bin?
In diesem Beispiel wurde absichtlich mit einer Bildvorstellung gearbeitet, um deutlich zwischen Gedankentätigkeit und Gedankeninhalt zu unterscheiden. So kann der eigene Vorstellungsbereich zu einer „Landkarte“ von Bewusstseinstätigkeiten, -inhalten und -prozessen werden, die sich ebenso bildhaft, imaginativ ins Bewusstsein prägen kann wie eine selbst hervorgerufene oder Erinnerungsvorstellung. Auf derartige und andersartige Prozesse möchte NOVALIS in seinem Fragment verweisen. 16
Setzt man Begriffe und Ideen anstelle der bildhaften Vorstellungen, wie es STEINER in der „Philosophie der Freiheit“ vorschlägt, kommen andere oder zusätzliche Bewusstseinsfelder wie das Verhältnis von Wahrnehmung und Begriff und das Entstehen oder die Herkunft der Ideen in Betracht. Verallgemeinernd könnte man sagen, dass bei all diesen Versuchen dreierlei zum Vorschein kommt:
- Man wird sich des Willensanteils am Denken und Vorstellen bewusst.
- Die Selbstaktivität, das eigene „Ich“, strahlt klarer als bei jeder anderen Handlung im Bewusstsein.
- Denken zeigt sich als ein lebendiges Netzwerk, das sich von körperlichen Zuständen und Prozessen über seelische Funktionen bis zu geistigen Inhalten erstreckt. Das all dies Zusammenhaltende ist der menschliche Ätherleib, welcher der beobachtenden Person ebenfalls bildhaft, als Imagination, als lebendig strömendes, in sich organisiertes Lichtgewebe zu Bewusstsein kommen kann.


Erwachen
Allen Ansätzen, die eigenen Denkprozesse zu Bewusstsein zu bringen, liegt eine weitere Eigentümlichkeit zu Grunde: Wenn man das Denken bei vollem Bewusstsein und mit Absicht von seinen Denkinhalten befreit, kommt es keinesfalls zu Ende, das Denken hört nicht auf. Im Gegenteil – die Denkaktivität oder der Denkwille bleibt erhalten, und wird man dessen gewahr, findet man sich in einem Bewusstseinszustand, der sich „wacher als wach“ erweist. „Im Denken erwache“ lautet ein Meditationsspruch von RUDOLF STEINER 18, der als Hilfeleistung zur Spiritualisierung des eigenen Weltverständnisses gedacht ist. Diese Überwachheit ist durchaus vergleichbar dem Aufwachen aus einem Traum: Die Trauminhalte verblassen, und man findet sich in einer Realität, in der nicht nur die Inhalte anders geartet sind als die Traumbilder, sondern auch die Verfasstheit, in der sie perzipiert werden. Man nennt diesen Zustand dann: „wach sein“. Ein Vergleichbares findet beim Aufwachen im Denken statt: Innerhalb einer transformierten Verfasstheit treten neuartige, dem normalen Tagesbewusstsein unbekannte Bewusstseinsinhalte auf.
In einem unveröffentlichten Aufsatz aus dem Jahre 1914 versucht STEINER den Unterschied zwischen seiner Auffassung von Geisteswissenschaft und der Naturwissenschaft zu beschreiben. Nach einleitenden Worten formuliert er folgende Voraussetzung: „Ich nehme an, dass in jedem Menschen gleichsam ein zweiter Mensch steckt. Und während mit dem Ersten derjenige gemeint sein soll, welchen die Sinne sehen und der Verstand zunächst zugibt, sei mit dem Zweiten ein Übersinnlicher, dem gewöhnlichen Denken fernliegender Dirigent angedeutet.“ 19 Um sich diesen „zweiten Menschen“ bewusst zu machen, schildert er nun folgendes Verfahren: „Es handelt sich darum, dass man zunächst alle Aufmerksamkeit, alles Interesse für die Gegenstände, welche den Sinnen gegeben sind, unterdrückt. Ferner müssen alle Gedanken zum Schweigen gebracht werden. Man muss sich durch intensive Willensanstrengung die Seelenpraxis aneignen, in absolut gleichmäßiger, durch keinen Eindruck gestörter innerer Verfassung zu sein.“ 20
Nach weiteren Erläuterungen zu dieser besonderen Verfasstheit, die durchaus mit den Zuständen vergleichbar ist, die im Zen oder ihm verwandten Meditationsrichtungen gesucht werden, führt STEINER dann aus: „Ist ein solcher Zustand erreicht, dann handelt es sich darum, die leer gewordene Seele wieder mit einem Inhalt zu erfüllen.“ 21
In der Vorbereitung zur eigentlichen Geisteswissenschaft nach STEINER sollen nun spezielle Vorstellungen und Ideen das leergehaltene Bewusstsein erfüllen, die eigens dazu konzipiert wurden – Symbole wie das Rosenkreutz, Mantren. Sie verweisen nicht auf sinnliche Gegenstände, sondern auf geistige Gesetzmäßigkeiten und bereiten auf ein Bewusstwerden einer rein geistigen Welt vor, auf schöpferische Kräfte jenseits aller weltlichen Erscheinungen.
Bildekräfteforschung
Anders verhält es sich in der Bildekräfteforschung: Der von allen intentionalen Inhalten freigehaltene Denkraum wird denjenigen Kräften und Prozessen entgegengebracht, die, wie bei NOVALIS beschrieben, entweder an den eigenen Bewusstseinsprozessen oder an den Erscheinungen der äußeren Welt wirksam tätig sind. Wenn die nicht körpergebundenen Anteile des Lebens- oder Ätherleibes zur Ruhe gekommen sind, werden sie empfindsam für die Ätherbewegungen und Lebensprozesse der unmittelbaren Umgebung. Da die methodische Voraussetzung dafür das Zurückhalten aller durch die Körperlichkeit bedingten Inhalte (Sinnes-, Gefühls- und Willensimpulse) ist, kommt ihnen unter Umständen genauso Objektivität zu, wie wir sie sinnlichen Gegenständen zusprechen. Das Maß der Objektivität ist allerdings abhängig von der Intensität dieser Zurückhaltung. Ein gehöriges Maß an Training und unverzerrter Ehrlichkeit gegenüber sich selbst gehören zu den Grundbedingungen dieser Art von Wahrnehmung.
Ein wichtiger Unterschied zu den Sinneswahrnehmungen ist, dass sich Wahrnehmungen im Ätherischen viel unmittelbarer oder existentieller bemerkbar machen: Es ist ihnen eine Lebendigkeit zu eigen, mit der man sich wie verwoben fühlt. Die eigene Lebendigkeit schwingt mit den ätherischen Rhythmen der wahrgenommenen Gegenstände oder Wesen mit. Die Kunst ist es nun, sich diese Resonanz so zu Bewusstsein zu bringen, dass man einerseits seine eigene Integrität bewahrt und andererseits der Wahrnehmungs- zu einem echten Erkenntnisprozess wird. Gelingt einem das, kann man von einer Imagination im anthroposophischen Sinne sprechen.
Das Gemeinte sei hier an einem kleinen Beispiel demonstriert:
Nimmt man z.B. ein Stück Holzkohle zur Hand, so offenbart es neben seinen haptischen (Porosität) und visuellen (Schwarzheit und Glanz) Eigenschaften weitere, die sich eben nur der oben beschriebenen Verfasstheit bemerkbar machen: Trotz ihrer Leichtgewichtigkeit nimmt sich die Holzkohle schwer aus. Der innere Blick wird zur Erde hinab gezogen. Vielleicht kommt sogar das Empfinden auf, dass man sich unter der Erde befindet, wie lebendig begraben. Bei einem längeren Verweilen auf den Eindrücken können sich weitere Erfahrungen anschließen, die vielleicht mehr körperlich empfunden, vielleicht aber auch bildhaft auftreten. Zum Beispiel die Empfindung, man würde innerlich durchstrukturiert und gefestigt werden. Auch der Geist kann sich klarer und sortierter finden. Mit dem Eindruck von Klarheit können zarte Lichteindrücke auftreten, welche die zu Beginn wahrgenommene Dunkelheit aufbrechen und fein funkelnd erhellen. Und dieses Zusammenspiel von Schwärze, Strukturiertheit und Lichtstrahlen kann sich zu einem Spüren (ähnlich einem Tasteindruck) von zwischen Licht und Dunkel fein fluktuierenden Rautenmuster verwandeln, das von Wärmeeindrücken begleitet wird. (Bild 1)
Wechselt man indessen zu einem Stück Steinkohle, so beginnen sich die Eindrücke zu verändern. Die Schwere verstärkt sich, und in das Empfinden von Strukturiertheit mischt sich das Gefühl von harter Mineralität. Es wird klar: Hier hat man einen „Stein“ in der Hand. Die Tiefe und Radikalität des Eingeschlossenseins wird verstärkt, man kann sich wie unter Druck fühlen. Diesem Gefühl nachgehend entsteht der Eindruck einer rautenförmigen Verdichtung, eingehüllt von lodernder Feurigkeit. Aus dem Zusammengehen von Abgeschlossenheit, Schwärze und Druck kann schlussendlich eine helle, ja gleißende Lichtempfindung erstehen, die den eigenen Geist ruhig, klar und zu weitmöglichster Überschau fähig werden lässt. (Bild 2)


Die Beschreibung solcher Erlebnisse lässt vielleicht erahnen, wie jeder Substanz eine eigene, spezifisch gestaltete Lebendigkeit innewohnt. Es handelt sich dabei um eine Essenz des Gewordenseins, die der jeweiligen Substanz einen inneren Ausdruck qualitativer Art verleiht, wo Lebendigkeit und weisheitsvolle Bestimmung gleichzeitig zur Erscheinung kommen. Es ist die Natur der Bildekräfte – als Summe der im Leben der Erde wirkenden Gestaltungskräfte, die die jeweilige Naturerscheinung hervorgebracht und gestaltet haben. Derartige „Signaturen des Lebendigen“ beschreiben ein Qualitatives, das eine Substanz über ihre physikalische Existenz und ihre chemischen Eigenschaften hinaus in sich trägt. Daraus lässt sich ihr Werdeprozess, ihr „Schicksal“ quasi, lesen und erkennen und schlussendlich auch für Anwendungen im Leben, sei es als Nahrungsmittel, als Zubereitung für ein Arzneimittel oder auch für ganz anderes nutzbar machen.
In diesem Beispiel geht die Wahrnehmung von Bildekräften von einer Substanz aus. Alle Phänomene stehen dabei in einem sinnvollen Zusammenhang der physikalischen und chemischen oder biologischen Eigenschaften. Dies gibt den Wahrnehmungen einen sicheren Grund, was in den Anfängen einer sich entwickelnden imaginativen Fähigkeit besonders wichtig ist.
Imaginative Eindrücke rühren indes aber nicht nur von Substanzen oder Stoffzusammenhängen aus. In seinem Essay „Wesensgliedererkenntnis wird zur Wesensschau“ beschreibt MIKKO JAIRI Wahrnehmungsebenen, die nicht mehr mit konkreten sinnlichen Erscheinungen zusammenhängen. 22 Die Imaginationsfähigkeit überschreitet die Wirksphäre der Bildekräfte zumindest bis in die Welt der Urbilder und in die Lebenswirklichkeiten der daran beteiligten Wesenheiten.

Allen Wahrnehmungen aber ist eines gemeinsam: Sie erscheinen nicht als Offenbarung, sondern werden aus dem allgemeinen ätherischen Hintergrund wie ertastet. So beschreibt es STEINER auch in dem oben erwähnten Meditationsspruch:
Im Denken erwache:
Du bist im Geisteslicht der Welt.
Erlebe Dich als leuchtend, das Leuchtende tastend.23
Es wäre ein Missverständnis, das oben beschriebene Zustandekommen von imaginativen Wahrnehmungen als eine passive Empfänglichkeit eines leeren, nicht durchdachten Bewusstseins aufzufassen. Schon die Bereithaltung des Denkraums kann man als Durchdringung desselben mit Willenskraft beschreiben. Die darin aufkommenden Erscheinungen treten auch nicht wie Projektionen auf einer Leinwand analog einer Filmvorführung auf, sondern werden durch das wache Bewusstsein ertastet – so wie eine blinde Person die Brailleschrift „liest“. Tritt zu den so in die Anschauung gebrachten, im Lebendigen wirkenden Kräfte und Wesenheiten ein dazugehöriges Verständnis, so kann tatsächlich von einem Lesen im Buche der Natur gesprochen werden. STEINER beschreibt diesen Vorgang so: „Es sind gewisse Linien, Formen, Gestalten, die man erlebt. Doch nicht etwa so erlebt man sie, dass man sie vor sich in irgendeinem Raum gezeichnet sähe, sondern so, als ob man in fortwährender Bewegung mit seinem Ich jedem Linienschwung, jeder Gestaltung selbst folgte. Ja, man fühlt das Ich als den Zeichner und zugleich als das Material, mit dem gezeichnet wird. Und jede Linienführung, jede Ortsänderung sind zugleich Erlebnisse dieses Ich. Man lernt erkennen, dass man mit seinem bewegten Ich hineingeflochten ist in die schaffenden Weltenkräfte.“ 24
Lebendigkeit
Man vergleiche die Aussage STEINERS („… das Ich als den Zeichner und zugleich als das Material, mit dem gezeichnet wird“) mit den zitierten Zeilen von NOVALIS („… muß er seine ungetheilte Aufmerksamkeit oder sein Ich richten“): Eine derart gestaltete Aufmerksamkeit ist Ich-durchdrungen, mit ihr beginnt ein Verständnis von Lebendigkeit, die ein begriffliches Denken niemals erfassen kann. Man beginnt zu entdecken, dass das Leben die Welt vom Sternenraum bis in die Tiefen der irdischen Substanz durchdringt, dass es Stoffe und Organismen nach intelligentem Plan ins Leben ruft und zur irdischen Vielfalt und Pracht gestaltet. Je detaillierter das Wirken der Bildekräfte ins Auge gefasst werden kann, desto mehr lässt es sich beschreiben. Dies ist die Aufgabe der Bildekräfteforschung.
Über eine solche Beschreibung des Bildekräftewirkens sagt RUDOLF STEINER:
„Man wird nun finden, dass diejenigen Menschen, welche übersinnliche Beobachtungen machen können, dasjenige, was sie schauen, so beschreiben, dass sie sich der Ausdrücke bedienen, welche den sinnlichen Empfindungen entlehnt sind. So kann man den elementarischen Leib eines Wesens der Sinnenwelt, oder ein rein elementarisches Wesen so beschrieben finden, dass gesagt wird, es offenbare sich als in sich geschlossener, mannigfaltig gefärbter Lichtleib. Es blitze in Farben auf, glimmere oder leuchte und lasse bemerken, dass diese Farben- oder Lichterscheinung seine Lebensäußerung sei. Wovon der Beobachter da eigentlich spricht, ist durchaus unsichtbar, und er ist sich dessen bewusst, dass mit dem, was er wahrnimmt, das Licht- oder Farbenbild nichts anderes zu tun hat als etwa die Schrift, in welcher eine Tatsache mitgeteilt wird, mit dieser Tatsache selbst. Dennoch hat man nicht etwa bloß ein Übersinnliches in willkürlicher Art durch sinnliche Empfindungsvorstellungen ausgedrückt; sondern man hat während der Beobachtung das Erlebnis wirklich gemacht, das einem Sinneseindruck ähnlich ist.“ 25
Es bleibt eine Herausforderung, die mannigfaltigen Kräfte des Lebens mit Worten nachzuzeichnen. Wo aber das offene, Ich-durchdrungene Bewusstsein sich mit diesen Kräften willensartig verbindet, wo das Erkunden der Vielfalt im Leben zur Suche nach der einen Kraft namens LEBEN wird, da rückt das Erleben in eine immer weniger sagbare Sphäre. Beschreibungen für diesen eigentlich vorsprachlichen Bereich zu finden, fällt zunehmend schwerer. Für die Schilderung solch tiefer Erlebnisse taugt keine noch so detailliert wissenschaftliche Begrifflichkeit, es braucht die Kraft der künstlerischen Gestaltung.
HILDEGARD VON BINGEN, die vermutlich größte in das Geheimnis des Lebens eingeweihte Gestalt im europäischen Geistesleben, bezeichnet die Liebe, das „lebendige Licht“, als Schöpfungsprinzip schlechthin. Ihre Anschauungen erreichte sie, der mittelalterlichen Seelenverfassung entsprechend, vor allem durch Visionen, die sie selber als in voller Wachheit und bei wachemVerstand geschaut beschreibt. In welchem Verhältnis dies zu der oben beschriebenen, vom Ich durchdrungenen Imaginationsfähigkeit steht, wäre erst zu untersuchen. Trotzdem, ihre Erkenntnisse von den Dimensionen des Lebens erreichen eine kaum zu fassende Tiefe, und klingen dennoch so in ihren Worten durch, dass sie auch heute noch die Seele „entzünden“ können:
Seht Ihr mich nicht bei Tag und Nacht?
Ich, Feuer des Lebens, zünde
Hin über die Schönheit der Gefielde,
Leuchte auf den Gewässern,
Brenne in der Sonne
Und strahle im Mond und in den Gestirnen;
Durch mich glüht und entbrennt das All,
Denn ich bin Leben. 26
- Schiller FRIEDRICH: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ in: Sämtliche Werke, Band 4, München 1962, S. 749-768. ↩︎
- s. Fußnote 1, S. 751f. ↩︎
- ebenda ↩︎
- RÜDIGER Safranski: Schiller oder Die Erfindung des deutschen Idealismus, München 2004, S. 316. ↩︎
- ebenda, S. 79. ↩︎
- PETER SELG: Friedrich Schiller – die Geistigkeit des Willens, Dornach 2005, S.28ff. ↩︎
- ebenda ↩︎
- ebenda ↩︎
- SCHILLERs philosophische Arbeiten und auch seine Dramen beschäftigen sich mit der Frage nach dem individuellen Schicksal im Menschheitlichen und insbesondere mit dem Rätsel und den Bedingungen der menschlichen Freiheit. ↩︎
- NOVALIS: Die Lehrlinge zu Sais, in: Gedichte, Frankfurt 1987, S.123f. ↩︎
- In seinen aphoristischen Betrachtungen zentraler Textpassagen der Fragmentsammlung „Die Lehrlinge zu Sais“ sucht DORIAN SCHMIDT den erkenntnistheoretischen Hintergrund der Gedanken und Erlebniswelt von NOVALIS auf. Der Begriff Theorie wird hierbei nicht im modernen Sinne einer „logisch-systematischen Zusammenfassung und Verallgemeinerung von Erkenntnissen über einen Bereich der Wirklichkeit“, gebraucht, sondern es wird angestrebt, dem Begriff im ursprünglichen, also im Umfeld von Aristoteles und früher gebrauchten Sinne nahe zu kommen. Da leitet sich Theorie von theorein ab, was bedeutet: anschauen, betrachten des unwandelbaren Seins, des Geistes und des Göttlichen: Erkenntnistheoretische Wanderung durch die Fragmentsammlung„Die Lehrlinge zu Sais“, in: Arbeitsmaterialien der Gesellschaft für Bildekräfteforschung Bd. VI, 2025, S. 5-8. ↩︎
- Zum Beispiel bei CLAIRE PETITMENGIN: Towards the Source of Thoughts – The Gestural and Transmodal Dimension of Lived Experience, in: Journal of Consciousness Studies, 14, No. 3, 2007, pp. 54-82 ↩︎
- RUDOLF STEINER: Die Philosophie der Freiheit (GA 4), Dornach 1995, S. 39. ↩︎
- Eine interessante Zusammenfassung der unterschiedlichen Quellen und modernen Konzepten des „Inneren Zeugen“ findet sich hier: https://bmun-gv-at.eu/beobachter-gehirn/Der-stille-Zeuge-der-innere-Beobachter-Abhandlung.pdf, abgerufen am 21.7.2025. ↩︎
- Die Erste-Person-Forschung versteht sich als fächerübergreifende Disziplin, die die Eigenarten des bewussten menschlichen Erlebens methodologisch erforschen will. Schwerpunktmäßig wird sie im angelsächsischen Sprachraum betrieben, an der Universität Witten-Herdecke gibt es inzwischen ein eigenes Institut:
https://www.uni-wh.de/euer-campus/institute-zentren-und-ags/fakultaet-fuer-gesundheit/institut-fuer-erste-person-forschung-iepf, abgerufen am 15. Juli 2025. ↩︎ - siehe Endnote 11 ↩︎
- RUDOLF STEINER: Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst? (GA145), Dornach 1986, S. 71. ↩︎
- RUDOLF STEINER: Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule von 1904 bis 1914 (GA 265), Dornach 1987, Seite 463f. und 477. ↩︎
- RUDOLF STEINER: Hellsehen, Vernunft und Wissenschaft in: Nachgelassene Abhandlungen und Fragmente (GA 46), 2020 Basel, S. 628.ff. ↩︎
- ebenda, S. 634. ↩︎
- ebenda. ↩︎
- JAIRI MIKKO: Wesensgliedererkenntnis wird zur Wesensschau – Erkennende Begegnungen mit Wesen der dritten Hierarchie durch ein systematisches Erkunden der eigenen Wesensglieder, in: Arbeitsmaterialien der Gesellschaft für Bildekräfteforschung Bd. VI, 2025, S. 5-8. ↩︎
- s. Fußnote 19. ↩︎
- RUDOLF STEINER: Die Stufen der höheren Erkenntnis (GA 12), Dornach 1979, S.74. ↩︎
- RUDOLF STEINER: Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen (GA 16), Dornach 1935, S. 45f. ↩︎
- Der Originaltext ist auf Lateinisch geschrieben. Der Autor der vorliegenden, stark zusammenfassenden Nachdichtung ist unbekannt, eine ähnliche Prosaübersetzung findet sich in: HILDEGARD VON BINGEN: Das Buch vom Wirken Gottes (Liber divinorum operum), Visio I,2, Beuron 2012. ↩︎
Originaltext aus dem Lateinischen:
Denn die Luft lebt im Grün und in den Blumen, die Wasser fließen, als wären sie lebendig; auch die Sonne lebt in ihrem Licht, und wenn der Mond untergeht, wird er durch das Licht der Sonne entzündet, um wieder zu leben; auch die Sterne leuchten in ihrem Licht, als lebten sie. Ich habe auch die Säulen errichtet, die die ganze Welt stützen, ebenso die Winde, denen Flügel untertan sind, nämlich die sanfteren Winde, die durch ihre Sanftheit die stärkeren stützen, damit sie nicht in Gefahr geraten, so wie der Körper die Seele umhüllt und enthält, damit sie nicht erlischt. Wie der Atem der Seele den Körper sammelt und stärkt, damit er nicht versagt, so beleben auch die stärkeren Winde die ihnen Untertanen, damit sie ihre Aufgabe nicht erfüllen. Ich bin also die feurige Kraft, die in diesen verborgen ist, und sie brennen aus mir, wie der Atem einen Menschen ständig bewegt und wie im Feuer eine windige Flamme ist. Sie alle leben in ihrem Wesen und wurden nicht im Tod gefunden, da ich das Leben bin. Ich bin auch die Vernunft, da ich den Hauch des klingenden Wortes habe, durch das alle Geschöpfe erschaffen wurden, und ich habe ihnen allen eingehaucht, sodass keines von ihnen in seiner Art sterblich ist, weil ich Leben bin. Denn ich bin ein vollkommenes Leben, das nicht aus Steinen gehaucht wurde, noch aus Zweigen spross, noch aus männlicher Kraft Wurzeln schlug, sondern alles Lebenskräftige wurzelt in mir. Denn die Vernunft ist die Wurzel, aber das klingende Wort gedeiht in ihr. Da Gott also vernünftig ist, wie könnte es sein, dass er nicht wirkte, da all sein Werk gedeiht, den er nach seinem Bild und Gleichnis schuf, und er alle Geschöpfe nach Maß im Menschen selbst prägte. Denn von Ewigkeit her wollte Gott, dass sein Werk, nämlich der Mensch, geschaffen werde, und als er dasselbe Werk vollendet hatte, gab er ihm alle Geschöpfe, damit sie mit ihnen wirkten, so wie Gott selbst auch sein Werk, nämlich den Menschen, geschaffen hatte. Aber ich bin auch amtlich, da alles Lebenskräftige aus mir brennt; und ich bin ein gleiches Leben in der Ewigkeit, das weder entstand noch enden wird, und dasselbe Leben, das sich bewegt und wirkt, ist Gott, und doch ist dieses Leben eins in drei Mächten. Die Ewigkeit ist daher der Vater, das Wort der Sohn; der Atem, der diese beiden verbindet, wird der Heilige Geist genannt, wie Gott auch im Menschen versiegelt hat, in dem Körper, Seele und Vernunft sind. Aber dass ich über der Schönheit der Felder flamme, das ist die Erde, die jene Materie ist, aus der Gott den Menschen schuf; und dass ich in den Wassern leuchte, das entspricht der Seele; denn wie das Wasser die ganze Erde durchdringt, so durchdringt die Seele den ganzen Körper; aber dass ich in der Sonne und im Mond brenne, das ist Vernunft; die Sterne aber sind unzählige Worte der Vernunft. Und dass ich mit dem Luftwind, einem unsichtbaren Leben, das alle Dinge erhält, alle Dinge lebendig erwecke, weil durch Luft und Wind die Dinge, die wachsen, vegetieren und bestehen, aus dem Nichts zu dem werden, was sie sind.