Aus der Perspektive des Anderen

Auslöser

2019 wurde ich gebeten, im Rahmen der gemeinsamen Jahresfeiern der Zweige um das Goetheanum eine Ansprache für die Osterfeier (55 min) zu halten. Versuchseise habe ich damals das Passionsgeschehen aus der Sicht von Judas, Petrus und Pilatus geschildert. (Es schloss sich dann ein Gespräch über die Pilatusfrage: „Was (Wer) ist Wahrheit“ an).

2024 kam eine weitere Bitte für eine Ansprache im gleichen Rahmen wieder für eine Osterfeier. Diesmal war eine Vorgabe eine russische Michaelslegende, in der Michael als Rebell, der vom Kreuz nicht weichen und den Tod des Christus an der ganzen Erde rächen will. Diese Legende widersprach meinem Bild, dass ich mir auf Grund des Studiums der entsprechenden Hinweise Rudolf Steiners gemacht hatte. Das veranlasste mich, nun meinerseits eine Erzählung (16 min) anzufügen.

Diese Erzählung ist das Ergebnis eines Versuchs, das Passionsgeschehen aus der Perspektive von Michael zu schildern. Wie kann man sich vorbereiten, diese Perspektive einzunehmen?

Vorbereitung

In einem frühen Vortrag schildert Rudolf Steiner die Bedingungen, um in der Akasha-Chronik lesen zu können:

Opfer des Intellekts GA265 S. 29f

«daß man seine eigenen Gedanken zur Verfügung stellt diesem Prinzip, dieser Kraft und diesen Wesenheiten, die wir in der theosophischen Sprache die Meister nennen. 1 Denn letzten Endes muß uns der Meister die nötigen Anweisungen geben, um die Akasha-Chronik lesen zu können. Sie ist geschrieben in Symbolen und Zeichen, nicht in Worten einer jetzt bestehenden oder einer der bestanden habenden Sprachen. Solange man nur die Kraft anwendet, die der Mensch gewöhnlich anwendet beim Denken – und jeder Mensch, der nicht ausdrücklich daraufhin gelernt hat, wendet diese Kraft an -, kann man nicht in der Akasha-Chronik lesen.

Wenn Sie sich fragen , so werden Sie sich sagen müssen: . Sie verbinden Objekt und Prädikat miteinander, wenn Sie einen Satz bilden. Solange Sie selbst es sind, der die einzelnen Begriffe verbindet, so lange sind Sie nicht imstande, in der Akasha-Chronik zu lesen. Sie sind nicht imstande zu lesen, weil Sie Ihre Gedanken mit dem eigenen Ich verbinden. Sie müssen aber Ihr Ich ausschalten. Sie müssen verzichten auf jeden eigenen Sinn. Sie müssen lediglich die Vorstellungen hinstellen, um die Verbindung der einzelnen Vorstellungen durch Kräfte außerhalb von Ihnen, durch den Geist, herstellen zu lassen.

Es ist also der Verzicht – nicht auf das Denken, wohl aber darauf, von sich aus die einzelnen Gedanken zu verbinden – notwendig, um in der Akasha-Chronik zu lesen. Dann kann der Meister kommen und Sie lehren, durch den Geist von außen Ihre Gedanken zusammenfügen zu lassen zu dem, was Ihnen der universelle Weltengeist über das, was in der Geschichte sich vollzogen hat, zu zeigen vermag. Dann urteilen Sie nicht mehr über die Tatsachen, sondern dann spricht zu Ihnen der universelle Weltengeist selbst. Und Sie stellen ihm Ihr Gedankenmaterial zur Verfügung.

Nun muß ich etwas sagen, was vielleicht etwas Vorurteil erweckt. Ich muß sagen, was heute vorbereitend notwendig ist, um zu der Ausschaltung des Ich zu kommen, um in der Akasha-Chronik lesen zu können. Sie wissen, wie es eine heute verachtete Sache ist, was die Mönche im Mittelalter gepflegt haben. Sie haben nämlich gepflegt das „Opfer des Intellekts“. Der Mönch hat nicht so gedacht, wie der heutige Forscher denkt. Der Mönch hatte eine bestimmte heilige Wissenschaft, die heilige Theologie. Über den Inhalt hatte man nicht zu entscheiden. Man sprach deshalb davon, daß der Theologe im Mittelalter seinen Verstand dazu zu gebrauchen hat, die gegebenen Offenbarungen zu erklären und zu verteidigen.2 Das war, wie man sich auch heute dazu stellen mag, eine strenge Schulung in der Hinopferung des Intellektes an einen gegebenen Inhalt. Ob das nun nach modernen Begriffen etwas Vorzügliches oder etwas Verwerfliches ist, davon wollen wir absehen. Dieses Opfer des Intellektes, das der Mönch des Mittelalters brachte, führte zu der Ausschaltung des von dem persönlichen Ich ausgehenden Urteils, es führte ihn dazu, zu lernen, wie man den Intellekt in den Dienst eines Höheren stellt. Bei der Wiederverkörperung kommt dann das, was damals durch dieses Opfer hervorgebracht wurde, zur Auswirkung und macht ihn zum Genie des Anschauens. Kommt dann das höhere Schauen hinzu, dann kann er die Fähigkeit anwenden auf die Tatsachen, die in der Akasha-Chronik zu lesen sind.» (Berlin, 1. Juni 1904)

1 Über die Meister siehe den Band «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914», GA 264.

2 Über die beiden Wahrheitsarten – die Erkenntnis- und die Offenbarungswahrheiten – in der modernen Geisteswissenschaft siehe den Vortrag Liestal, 16. Oktober 1916 in «Philosophie und Anthroposophie», GA 35, sowie die Studie von Hans Erhard Lauer «Erkenntnis und Offenbarung in der Anthroposophie», Basel 1958.

Rudolf Steiner: GA265 S. 29

Einige Wochen später ergänzt Rudolf Steiner:

«… Je weiter man auch auf dem Erkenntnisweg vorwärtsdringt, um so mehr wird man sich auch Devotion aneignen müssen; man wird immer devotioneller und devotioneller werden. Aus dieser Devotion fließt dann die Kraft zu den höchsten Erkenntnissen. Wer es dazu bringt, darauf zu verzichten, seine Gedanken zu verbinden, der gelangt zu dem Lesen der Schrift in der Akasha-Chronik. Eines ist aber dabei notwendig: das persönliche Ich so weit ausgeschaltet zu haben, daß es keinen Anspruch darauf macht, die Gedanken selbst zu verbinden.

Es ist gar nicht so leicht, das zu verstehen, denn der Mensch macht darauf Anspruch, das Prädikat mit dem Subjekt zu verbinden. So lange er das aber tut, ist es ihm unmöglich, wirklich okkulte Geschichte zu studieren. Wenn er in Selbstlosigkeit, aber auch in Bewußtheit und Klarheit die Gedanken aufsteigen läßt, dann tritt ein Ereignis ein, welches, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, jeder Okkultist kennt, nämlich das Ereignis, daß sich die Vorstellungen, die Gedanken, die er früher nach seinem persönlichen Standpunkte zu Sätzen, zu Einsichten geformt hat, jetzt durch die geistige Welt selbst formen, so daß nicht er urteilt, sondern in ihm geurteilt wird. Es ist dann so, daß er sich hingeopfert hat, auf daß ein höheres Selbst geistig durch seine Vorstellungen spricht.

Das ist – okkult aufgefaßt – das, was man im Mittelalter das „Opfer des Intellekts“ genannt hat. Es bedeutet das Aufgeben meiner eigenen Meinung, meiner eigenen Überzeugung. So lange ich selbst meine Gedanken verbinde, und meine Gedanken nicht höheren Gewalten zur Verfügung stelle, die auf der Tafel des Intellektes dann gleichsam schreiben, so lange kann ich nicht okkulte Geschichte studieren.»

(Rudolf Steiner, Berlin, 25. Juli 1904. zit. in GA 265)

Was Rudolf Steiner hier in frühen Vorträgen „Opfer des Intellekts“ nennt, kommt auch später zum Ausdruck, etwa, wenn es um das Erfassen der Weltgedanken geht.

Erkenntnis-technisch gesprochen geht es um die Herstellung der oft als leeres Bewusstsein beschriebenen Verfassung, die der Inspiration vorausgeht. Allerdings ist dieses leere Bewusstsein nicht ohne Voraussetzungen. Das kommt eindrucksvolle in einer Anekdote zum Ausdruck:

Pastor Harms [aus Bremen] hatte sich ausnahmsweise auf eine Predigt nicht vorbereitet, sondern sich ganz auf die Eingebung des heiligen Geists verlassen. Diese blieb aber aus, und Claus Harms kam in Stottern. Nach der Predigt meinte er entsetzt: „Als ich auf die Eingebung wartete, hörte ich nur eine innere Stimme sagen: Claus, du bis fuhl wesen!“ ( = Claus, du bist faul gewesen!)

Heinz Lemmermann, Heinz: Lehrbuch der Rhetorik, München 1988; S. 65

Durchführung

Die Vorbereitung einer Inspiration liegt in der gediegenen Kenntnis des in Frage stehenden Themas. Also im Falle meiner Erzählung, der eingehenden Kenntnis der Darstellungen Rudolf Steiners über Michael und über die Verhältnisse während der Passion.

Der nächste Schritt liegt in einem versuchsweise Einleben in dieses Verhältnis: Wenn ich alles, was ich über Michael bisher kennengelernt habe, mir zu einer Haltung werden lasse:

„Wie würde ich sein, wenn ich von Michael durchdrungen wäre?“

Und nun den nächsten Schritt mache:

„Was sähe ich, wenn ich in dieser Haltung auf die Passionszeit sehe?“

Und nun vom Konjunktiv in den Indikativ übergehe, indem ich meinen eigenen (Denk)Willen in eine widersprüchliche Haltung bringe: Konzentrierte Unbefangenheit. Dann kann ich (nach vielen Fehlschlägen) an meinem zwar selbst hervorgebrachten, aber (möglichst) nicht inhaltlich von mir beeinflussten Denken mit Interesse teilnehmen.

Ein Kriterium für das Eintreten von „tatsächlichen“ Weltgedanken kann mein Staunen sein. („Das habe ich ja noch nie so gedacht!“) Ich betone hier „Staunen“, das färbt sich natürlich individuell, ist aber zu unterscheiden von jedem luziferischen Allmachtsgefühl – etwa in der Form: „Neue Idee: Das geht nur so….“ („allein seelig-machend“).

Solche Einsichten sind oft begleitet von einem Verantwortungsgefühl: „Das ist jetzt nicht einfach mal so ein netter Einfall“ – ich finde mich im Fokus geistiger Wesen ausgelöst durch die auftauchende Frage: „Und jetzt?“

Aber diese auftauchenden Weltgedanken bedürfen, solange sie als Inspirationen auftauchen, der Prüfung: Blieb ich sauber, oder habe ich mit eigenen Wünschen hineingepfuscht. Diese Prüfung ist mitunter anspruchsvoll.

Für meine Erzählung habe ich eine solche Prüfung vorgenommen an dem Jüngling ohne Kleider, der in Gethsemane davonläuft, von dem Rudolf Steiner als Christus-Impuls spricht. Um eine Konsolidierung es Erstaunlichen zu erreichen, habe ich einen Perspektiv-Wechsel vorgenommen: „Was sähe ich als dieser Jüngling?“ Diese Perspektive brachte eine erneut erstaunliche Beziehung zu Michael zum Vorschein (siehe Erzählung). Diese fügte sich in Rudolf Steiners Darstellung über Michaels Aufstieg zum Zeitgeist ein.

Fazit

Die Übernahme der Blickrichtung (Perspektive) eines geistigen Wesen eröffnet neue Sichten, die nach eingehender Vorbereitung in das von diesem Wesen schon Bekannte zu Erstaunen über das nun Gesehene führen kann, wenn es gelingt, wirklich unbefangen denken zu lassen. Das Erstaunliche bedarf trotz allem der nachträglichen Prüfung, ob nicht doch die eigene Sicht sich in das Gesehene hineingemogelt hat.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Hugo LUEDERS

    Vielen Dank für diesen stimulierenden Beitrag. Die ganze Welt öffnet sich damit … Der Beitrag könnte einen dringend erforderlichen Dialog mit anderen spirituellen Praktiken befördern. Wir sind ja nicht allein. Die Darstellung des ‚Opfer des Intellekts‘ wie die ‚Ausschaltung des Ich‘ (wo bleibt dabei das Ich?) erinnert beispielsweise in vielerlei Hinsicht an verschiedenste Formen des Zazen wie andere spirituelle Übungen weltweit. Mögliche Entsprechungen in die eigenen Überlegungen miteinzubeziehen ist allseits bereichernd und schützt zugleich vor Ausgrenzungen und Einseitigkeiten. So besteht in all diesen Praktiken, Hilma af Klint nur als Beispiel, immer aufs Neue die Gefahr der Illusion und Täuschung, vor denen Rudolf Steiner immer wieder warnt. Um Hilfe anzubieten, sollte deshalb der Umgang mit diesen Gefährdungen m.E. noch stärker herausgearbeitet werden. Wie gehen wir damit um? Reicht allein eine ’nachträgliche Prüfung‘? Welche Erfahrungen gibt es dazu? Nochmals vielen Dank!

  2. Andreas Heertsch

    Die Ausschaltung des Ich: Das ich nimmt sich im Denken, was die Inhalte betrifft zurück (Unbefangenheit), was aber den Willen betrifft, kann von Ausschaltung keine Rede sein, im Gegenteil hier ist vollstes Engagement erforderlich (Konzentration), damit überhaupt etwas im Bewusstsein passiert. In diesem Sinne halte ich es für irritierend, wenn von leerem Bewusstsein gesprochen wird. Es ist ein fokussiertes Bewusstsein, dass sich einem Thema (Frage) hingibt, aber in Bezug auf die Antwort möglichste Offenheit herstellt. Wenn man diese Offenheit mit Leere bezeichnet, dann ist wohl gemeint, dass es in bezug auf eigene, erwartete oder gewünschte Inhalte leer ist.

    Wenn ich hier auf die Verfassung blicke, die etwa in der Kunst des Bogenschiessens als Samadhi beschrieben wird, dann scheint mir da eine ähnliche Verfassung vorzuliegen. Auch dieses Bewusstsein ist wohl nicht leer, sondern in Identifikation mit dem Ziel, was ebenfalls nicht eine intellektuelle, sondern vermutlich eine Willenshaltung meint. Aber das müsste ein Praktiker des ZaZen beschreiben.

    Gefährdungen: Ja, ganz einverstanden, eine Psychologie der esoterischen Schulung wird den Einfluss und Umgang mit dem eigenen Doppelgänger zu beschreiben haben. Ohne dessen möglichst intime Kenntnis ist Geistesforschung in der Gefahr zur persönlichen Phantastik zu verkommen.

  3. Hugo LUEDERS

    Ausgezeichnet. Das eröffnet einen Weg. Jetzt möchte der Leser gern mehr dazu erfahren. Diese wichtigen Aphorismen laden ein zu einer umfangreichen Ausarbeitung der hier gegebenen Geankenschritte. Vielleicht, dass sich auch andere dabei beteiligen. Vielen Dank.

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