Die Gedankenschau gezielt hervorrufen

Moderne heutige Geisteswissenschaft leistet, verglichen mit der alten Weisheitskultur, entscheidend mehr für die Lebenspraxis, denn sie kann die Geistesschau gezielt hervorrufen. Der alte Weisheits-Sucher konnte den Erkenntnisvorgang kaum steuern. Er wurde von der Geist-Erfahrung aufgesucht und quasi überwältigt. Ihm wurden isolierte Resultate gegeben und erratische Aussagen gemacht, ganz ohne eine Begründung, ohne Anbindung an bestehende Einsichten. Typisch dafür wäre etwa die chinesische Wahrsagekultur. Man legte Schulterblattknochen von Rindern oder Schildkrötenpanzer ins Feuer. Im Feuer bildeten sich auf den Knochen feine Risse und Flecken. Auf diese Linien-Omen kam es an. Man erriet, las und erschloss aus ihnen die Antworten auf seine Fragen. Und je schwächer im historischen Ablauf die eigentliche Schauensfähigkeit wurde, mit desto grösserer Intelligenzbemühung suchte man die Zeichen zu verstehen. Aus der endlosen hierfür aufgebrachten Interpretationsintelligenz entstand die überragende Kulturleistung der chinesischen Schrift, wie u.a. Dong Zuobin (1895-1963) nachwies. Nicht viel anderes ging beim Schafgarbenstengel-Orakel des I Ging vor sich. Von der Struktur her ist auch die Stundenschau, das Horoskop-Lesen der Chaldäer oder das Interpretieren des Lallens einer Pythia in Delphi nichts anderes. Immer identifiziert man irgendwelche omenartigen Zeichen, die unvermittelt aus einem Jenseits "gegeben" werden. Der Rätselgegenstand wird dann von einer Vielzahl von immer klügeren Deutern interpretiert. Diese Interpretationsleistungen sind von grosser Bedeutung. Aus ihnen bilden sich die Schrift- und Deutungssysteme und eine erste Denkkultur. Die eigentlichen Aussagen (die Knochenrisse, Trance-Aussprüche oder Sternenkonstellationen) treten unvermittelt, überraschend, unverbunden auf ­ wie Botschaften, die von jenseits einer Mauer herübergeworfen werden. Und sie wollen als Anweisungen befolgt werden; sie wenden sich nicht an den Verstand des Fragenden. Sie wollen nicht "verstanden" werden. Die Interpretationen und Gedanken werden ihnen als ein eigentlich Fremdes hinzugefügt. Sie gehören zu der erwachenden Kultur des Eigen-Denkens, die mit der Achsenzeit (circa 600 v. Chr.) die Wahrsage-Kultur ablöst. Die alte Geist-Erfahrung entfremdete den Schüler der Sinneswelt. Sie trennte irdische und geistige Kultur immer mehr. Heute kann die alte Art die geistig Suchenden nur zur einer Art Flucht aus unserer Zivilisation verleiten. Sie leistet eine moralische Stärkung, aber sie bleibt bei der konkreten Wirklichkeitserkenntnis allgemein, diffus, kann nicht helfen, ja macht hilflos. Um ihren eigenen Wert zu bekräftigen, leitet sie gerade zu dazu an, die irdische Kultur zu veröden. Um die irdische Kultur spirituell zu steigern, muss man seine Erkenntnisorgane und Erkenntnismittel ganz konkret auf die einzelnen irdischen Gegebenheiten ausrichten können, quasi wie eine Lupe oder ein Fernglas nach Wunsch auf jede Einzelheit fokussieren. Wo immer man es braucht, bei der erzieherischen Idee für ein Kind, bei der Frage einer Neuinvestition, beim Lösen eines Konflikts in einem Kollegium, beim Designen eines Produktes, beim Antwortfinden auf sich ändernde politische oder geistige Lagen: die…

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Wahrheit in der Geistesforschung und der übersinnlichen Wahrnehmung

Thomas Mayer Anlässlich des Erstes Kolloquium zur übersinnlichen Wahrnehmung in Dornach am Sa. 2. November 2024. (Version 11.11.2024) Was ist Geistesforschung und übersinnliche Wahrnehmung? Übersinnliche Wahrnehmungen werden nicht durch die physischen Sinne vermittelt, sondern durch übersinnliche Wahrnehmungsorgane. Übersinnliche Wahrnehmungen sind eigentlich nichts Besonderes, alle Menschen haben sie fortwährend, bemerken es aber nicht. Alle Menschen erleben Stimmungen im Zwischenmenschlichen und Atmosphären von Orten und Landschaften. Diese Stimmungen kann man nicht sehen, sondern nur fühlen. Für das Fühlen gibt es aber kein physisches Sinnesorgan. Dazu benötigt man astrale Wahrnehmungsorgane. Auch die eigenen Körperwahrnehmungen bestehen zu einem großen Teil aus ätherischen und astralen Wahrnehmungen. Jeder hat Gedanken und Vorstellungen. Auch dafür gibt es kein physisches Sinnesorgan, sondern es sind übersinnliche Wahrnehmungen. Geistig betrachtet sind Gedanken und Vorstellungen Formungen im Ätherleib, beseelt von Elementarwesen und inspiriert von Geistwesen. Da die meisten Menschen keine Begriffe für solche übersinnlichen Erfahrungen haben und gleichzeitig in der materialistischen „Gehirnwäsche“ aufgewachsen sind, dass nur die materielle Welt real sei und wir nur diese wahrnehmen könnten, werden diese übersinnlichen Wahrnehmungen weginterpretiert. Wir haben sie, aber wir vertuschen sie durch ein wirklichkeitsfremdes Denken. Übersinnlich betrachtet ist das eine Durchsetzung der menschlichen Wesensglieder mit ahrimanischen Geistern, was zu der von Rudolf Steiner beschriebenen Inkarnation Ahrimans gehört. Für viele Menschen ist es ein sehr großer Schritt die materialistische mentale Zwangsjacke abzulegen, die ahrimanischen Besetzungen aus sich herauszuschaffen und sich selbst zuzugestehen, dass sie übersinnliche Wahrnehmungen haben. Das wird dadurch erschwert, dass es andererseits übertriebene Vorstellungen von übersinnlichen Wahrnehmungen gibt. Diese Wahrnehmungen sind meist nichts Spektakuläres, sondern klein, bescheiden und zurückhaltend. Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung bestätigen, dass in den Menschen ein großer ungehobener Schatz an Möglichkeiten verborgen liegt. Ich leite seit 2005 pro Jahr etwa vierzig Kurse in Anthroposophischer Meditation mit jeweils einer Einführung in das Wahrnehmen von Elementarwesen. Jedes Mal bin ich überrascht, wie gut das bei der Mehrzahl der Kursteilnehmer nach einer entsprechenden meditativen Vorbereitung geht. Die Erlebnisse sind oft eindeutig und bestätigen sich gegenseitig. Es geht dabei vor allem darum, Erlebnisse ernst zu nehmen, die man normalerweise übergeht. Wir haben alle viel mehr Möglichkeiten für übersinnliche Wahrnehmungen als wir glauben. Die Wiederkehr des Christus im Ätherischen Nach Rudolf Steiner hängen diese Möglichkeiten auch mit der Erscheinung des Christus im Ätherischen im 20. Jahrhundert zusammen. Dieses Christus-Ereignis hat Auswirkungen auf die Bewusstseinsmöglichkeiten jedes Menschen. Rudolf Steiner beschreibt das so: „Was eintreten kann, das wird das sein, dass die Menschen die neue Fähigkeit eines Wahrnehmens im Ätherischen werden erlangen können – eine gewisse Anzahl von Menschen wenigstens zunächst –, und die andern werden immer mehr und mehr nachrücken, denn 2500 Jahre wird die Menschheit Zeit…

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Kolloquium zur übersinnlichen Wahrnehmung, Dornach, 2. Nov. 2024

Die Anthroposophische Gesellschaft hat sich zum Ziel gesetzt, eine neue, ideologie­freie, spirituelle Kultur zu begründen. Sie stützt sich dabei bisher hauptsächlich auf die geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnisse Rudolf Steiners. Sind diese Ergebnisse nur für Rudolf Steiner erreichbar gewesen, oder werden sie von anderen übersinnlich Wahrnehmenden gestützt und ggf. ergänzt? Seit Beginn dieses Jahrhunderts treten vermehrt Menschen in Erscheinung, die von ihren übersinnlichen Erfahrungen und Forschungen auf Basis des anthroposophischen Schulungsweges berichten.  Wir meinen, es ist an der Zeit, dass wir diese Entwicklungen des Bewusstseins berücksichtigen und mutig einen gesunden und sachlichen Boden für einen Austausch über übersinnliche Erfahrungen anstreben. Deshalb wollen wir zu einem Kolloquium einladen, um an Hand einer Reihe von Fragen einen Austausch zu ermöglichen mit Menschen, die in der Lage sind, von ihren eigenen spirituellen Erfahrungen zu erzählen. Wie entsteht eine übersinnliche Wahrnehmung? Welche Rolle spielt die Individualität beim Wahrnehmen im Übersinnlichen? Wo liegen Quellen des Irrtums? Wie sieht eine wissenschaftlich begründete übersinnliche Forschung aus? Lässt sich eine Sprache finden, die einen Austausch eigener Erfahrungen so ermöglicht, dass Zuhörende in die Lage versetzt werden können, das Erzählte nachzuerleben? Hiermit möchten wir Sie einladen, nach Dornach zu kommen, mit uns dieses grundlegende Gespräch zu führen. Wir haben zunächst als Zweig am Goetheanum die Initiative in die Hand genommen, stehen aber gleichzeitig in Kontakt mit der Goetheanum-Leitung. Im weiteren möchten wir im Zweig am Goetheanum einen Boden für eine anschliessende Reihe von Einzelvorträgen mit praktischen Übungen über übersinnliche Wahrnehmungen vorbereiten. Der geplante Ablauf des Kolloquiums am 2. Nov. 2024 9:00 – 18:30 in der Rudolf Steiner Halde:  9.00 - 9:15 Begrüssung9.15 - 10:45 Evtl. kurze Eurythmie zum Ankommen und Warmwerden im Plenum oder Ähnliches, anschliessend moderiertes Gespräch mit 3 eingeladenen Teilnehmern, daran anschließend Gespräch im Plenum. 10.45 – 11.15 Pause. 11.15 – 12.30 praktische Üb-Einheiten in Gruppen12.30 – 14.00 Mittagspause14.00 – 15:30 Moderiertes Gespräch mit 3 anderen eingeladenen Teilnehmern anschließend: Gespräch im Plenum15.30 – 16.00 Pause16.00 – 17.15  praktische Üb-Einheiten in Gruppen17.15 – 17.30 Pause17.30 – 18.30 Plenum18.30 Ende Für die Initiative: Ronald Templeton, Gottfried Caspar, Ingrid Caspar, Andreas Heertsch. Margarete Jäckel, und Dorothea Templeton.  Ihre Teilnahme haben zugesagt:  Corinna Gleide, Gunhild von Kries, Frank Burdich, Thomas Mayer, Karsten Massai,Dorian Schmidt Wir bitten um Anmeldung () bis 14. Oktober 2024, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist. Unkostenbeitrag erwünscht. 

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Aus der Perspektive des Anderen

Auslöser 2019 wurde ich gebeten, im Rahmen der gemeinsamen Jahresfeiern der Zweige um das Goetheanum eine Ansprache für die Osterfeier (55 min) zu halten. Versuchseise habe ich damals das Passionsgeschehen aus der Sicht von Judas, Petrus und Pilatus geschildert. (Es schloss sich dann ein Gespräch über die Pilatusfrage: "Was (Wer) ist Wahrheit" an). 2024 kam eine weitere Bitte für eine Ansprache im gleichen Rahmen wieder für eine Osterfeier. Diesmal war eine Vorgabe eine russische Michaelslegende, in der Michael als Rebell, der vom Kreuz nicht weichen und den Tod des Christus an der ganzen Erde rächen will. Diese Legende widersprach meinem Bild, dass ich mir auf Grund des Studiums der entsprechenden Hinweise Rudolf Steiners gemacht hatte. Das veranlasste mich, nun meinerseits eine Erzählung (16 min) anzufügen. Diese Erzählung ist das Ergebnis eines Versuchs, das Passionsgeschehen aus der Perspektive von Michael zu schildern. Wie kann man sich vorbereiten, diese Perspektive einzunehmen? Vorbereitung In einem frühen Vortrag schildert Rudolf Steiner die Bedingungen, um in der Akasha-Chronik lesen zu können: Opfer des Intellekts GA265 S. 29f «daß man seine eigenen Gedanken zur Verfügung stellt diesem Prinzip, dieser Kraft und diesen Wesenheiten, die wir in der theosophischen Sprache die Meister nennen. 1 Denn letzten Endes muß uns der Meister die nötigen Anweisungen geben, um die Akasha-Chronik lesen zu können. Sie ist geschrieben in Symbolen und Zeichen, nicht in Worten einer jetzt bestehenden oder einer der bestanden habenden Sprachen. Solange man nur die Kraft anwendet, die der Mensch gewöhnlich anwendet beim Denken - und jeder Mensch, der nicht ausdrücklich daraufhin gelernt hat, wendet diese Kraft an -, kann man nicht in der Akasha-Chronik lesen. Wenn Sie sich fragen , so werden Sie sich sagen müssen: . Sie verbinden Objekt und Prädikat miteinander, wenn Sie einen Satz bilden. Solange Sie selbst es sind, der die einzelnen Begriffe verbindet, so lange sind Sie nicht imstande, in der Akasha-Chronik zu lesen. Sie sind nicht imstande zu lesen, weil Sie Ihre Gedanken mit dem eigenen Ich verbinden. Sie müssen aber Ihr Ich ausschalten. Sie müssen verzichten auf jeden eigenen Sinn. Sie müssen lediglich die Vorstellungen hinstellen, um die Verbindung der einzelnen Vorstellungen durch Kräfte außerhalb von Ihnen, durch den Geist, herstellen zu lassen. Es ist also der Verzicht - nicht auf das Denken, wohl aber darauf, von sich aus die einzelnen Gedanken zu verbinden - notwendig, um in der Akasha-Chronik zu lesen. Dann kann der Meister kommen und Sie lehren, durch den Geist von außen Ihre Gedanken zusammenfügen zu lassen zu dem, was Ihnen der universelle Weltengeist über das, was in der Geschichte sich vollzogen hat, zu zeigen vermag. Dann urteilen Sie nicht mehr…

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Eine kleine Liebeserklärung an Georg Maier

Diesen Beitrag habe ich beim Totengedenken Georg Maiers (* 26. Mai 1933 †14. Juni 2016) beigesteuert. Ich bringe ihn hier erneut, weil ich anregen möchte, seine Gedanken zu einer Form der Geistesforschung in den aktuellen Diskurs miteinzubeziehen. Als ich vor 40 Jahren frisch nach Dornach kam, kam eine hier nicht genannt werden wollende Person von einem Zweigabend im Goetheanum, sichtlich desorientiert und erzählte: «Du, da hat einer geschlagene 90 Minuten über eine Pfütze erzählt, ich sage dir, 90 Minuten: nur Pfütze!» «Wie sah der denn aus?», fragte ich zurück. «So ein kleiner mit ziemlich wenig Haaren und Nickelbrille, hat immer erst am Ende des Absatzes gesagt, was er meint, aber das war dann auch nicht so richtig klar.» «Sprach er oft in Ellipsen wie: ‹nicht wahr?› oder ‹ich mein ja nur› oder ‹ich wollt nur mal sagen› und macht dabei so ein bedeutungsvolles Gesicht?» «Ja genau, und dann hat er über Spiegelungen auf der Pfütze gesprochen und über den Regen, der in die Pfütze tropfte, weißt du, lauter so selbstverständliche Dinge. Dafür gehe ich doch nicht in den Zweigabend!» «Du, ich glaube, das war Georg Maier», vermutete ich. «Ja? Kennst du den?» «Ja, der betreut mit Jochen Bockemühl zusammen das Studien- und Forschungsjahr im Glashaus. Johannes (Kühl) und ich machen bei ihm gerade (1982) ein Projekt.» «Sag mal, ist der denn ganz normal?» «Nein überhaupt nicht, der ist so originell, dass ihn kaum einer versteht! Ich erklär dir jetzt etwas, was ich selbst erst in zehn bis zwanzig Jahren verstehen werde, aber das ist eben auch typisch für Georg Maier, dass man so seine Zeit braucht, bis man ihn versteht: Also, wenn er sich wie ein Kind über eine Pfütze her macht, könnte man ja glauben, dass er das Wesentliche nicht vom Unwesentlichen unterscheiden kann. Aber das sieht nur so aus. In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt! Georg würde vielleicht sagen: ‹Also diese Pfütze – nicht wahr …› Und das heißt dann: Diese Pfütze ist nicht eine Pfütze. Oder noch etwas ausführlicher: Wenn Georg über diese Pfütze spricht, dann meint er genau diese Pfütze und nicht irgendeine Prinzip-Pfütze oder eine ‹Pfütze an sich›.» «Na, findest du das nicht ein bisschen pingelig?» «‹Ich mein …›, würde Georg vielleicht bedeutungsvoll andeuten. Das heißt dann soviel wie: ‹Ja, richtig kleinlich!›, aber um das zu verstehen, solltest du mal lesen, was Georg in seinem Grundsatzbeitrag ‹Forschung als Hinwendung zur gegenwärtigen Existenz› (1993) geschrieben hat. Lass dich von dem Titel nicht abschrecken! (Der Inhalt ist allerdings auch nicht so einfach verständlich, aber viel einfacher als der Titel …) Da vergleicht er die Naturwissenschaft mit dem alten Testament: Gesetze werden…

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Innere Ruhe

Innere Ruhe gehört in diesen rastlosen Zeiten zu den am meisten erstrebten und doch so fernen Gütern, die man sich für den Feierabend, das kommende Wochenende, den nächsten Urlaub, die Pensionierung oder vielleicht, schneller verfügbar durch ein Glas vom Roten erhofft. Und wem diese Ruhe bedrohlich, weil in ihr neue Räume und Gründe für tiefere Unrast geahnt werden, wem diese Ruhe als Vorbote der letzten Ruhe in fortgesetzte Regsamkeit versetzt, wem die Mahnung von Freunden und dann auch vom Kardiologen, man solle doch einen Schritt kürzertreten, wem all dies zu nahetritt, dem sei diese Hinführung zur Meditation zugeeignet. Am Beginn möge ein Zitat stehen, das in seiner Klarheit und gleichzeitiger Fremdheit jene Distanz erst ermöglicht, von der im zweiten Satz die Rede sein wird. Es wird gesprochen vom Geheimlehrer – der Geheimschule – dem Geheimschüler – Regeln, in Symbolen gegeben – von der Geburt des „höheren“ Menschen und dem Blick in höhere Welten. Rudolf Steiner beschreibt hier einen Prozess, der beim Lesen, das erschafft, wovon er spricht. Vorausgesetzt die alten Worte lenken nicht ab vom stillen Zentrum, aus dem der Text tönt: „Der Geheimlehrer gibt dem Schüler auch praktische Regeln zur Entwicklung des inneren Lebens, wobei er sie so gibt und sich dem Schüler gegenüber so verhält, dass er in dessen freien Willen zu keinem Zeitpunkt eingreift. Die erste Regel lautet: Schaffe dir Augenblicke innerer Ruhe und lerne in diesen Augenblicken das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Solche Regeln wurden früher in den Geheimschulen nicht in Worten, sondern in Symbolen gegeben. Der Geheimschüler soll sich für kurze Zeit (mindestens fünf Minuten) aus seinem Alltagsleben herausreißen und wie ein Fremder seine Empfindungen und Taten betrachten. Er muss mit der inneren Ruhe des Beurteilers sich selbst entgegentreten. Der Wert dieser ruhigen Selbstschau hängt weniger davon ab, was er dabei schaut, als in der Kraft, die eine solche innere Ruhe entwickelt. Diese Ruhe wird dann auch auf das Alltagsleben ausstrahlen und zu einer ganz neuen Lebensauffassung führen. Die gewonnene Ruhe und innere Sicherheit wirken schließlich weiter auf das ganze menschliche Wesen. So werden dann z. B. als Beleidigungen gemeinte Worte an dem Geheimschüler abperlen. Beim Warten wird er, statt zwecklose Ungeduld zu entwickeln, die Zeit für Beobachtungen nutzen usw. Durch diese innere Ruhe schafft der Schüler Raum in sich für die Geburt des „höheren Menschen“, der dann der innere Herrscher wird und die Verhältnisse des äußeren Menschen sicher führt. Aber über diese Selbstbetrachtung muss der Schüler hinauskommen und sich zu dem rein Menschlichen erheben, seinen Blick in die höheren Welten richten. Diese innere Beschaulichkeit muss ihm Lebensbedürfnis werden, er muss lieben, was ihm in diesen stillen Momenten…

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Mögliche Schritte zur übersinnlichen Wahrnehmung

Es ist mir bewusst, dass es ein Unterfangen ist, den Versuch zu wagen, die Schritte zur übersinnlichen Wahrnehmung zu beschreiben. Es ist meine Art, die Schritte nachvollziehbar zu beschreiben, und das mag etwas umständlich sein. Hinzu kommt, dass gewisse Feststellungen zwar nachvollzogen werden können, aber doch ein gewisses Mass an Erlebnisfähigkeit in Anspruch nehmen. Die Alltagswelt Im Alltag werden wir von einer Welt umgeben, die unseren Sinnen, ohne unser weiteres Hinzutun, zugänglich ist. D.h., die Sinne sind neutrale Vermittler. Wir können sehen, wir hören, wir schmecken, wir riechen und ertasten, wodurch wir zu der Welt der Dinge eine Beziehung aufbauen. Wir verwenden unsere Sinne, um uns in dieser Welt zu bewegen und in ihr tätig zu sein. Diese Welt ist uns gegeben. Wir gehen selbstverständlich mit ihr um und entdecken, dass wir uns in ihr durch unsere Tätigkeiten verwirklichen können. Das Ziel des Lebens scheint zunächst diese Selbstverwirklichung zu sein, und die sinnliche Welt scheint diesem Zweck zu dienen. Es braucht schon eine gewisse psychologisch-philosophische Ader, um zu überlegen, wie wir unsere innere Fähigkeit verwenden, um unsere Lebensziele zu verwirklichen. Ist man initiativ tätig, braucht man eine Vorbereitung für seine Tätigkeit. Man denkt sich die Schritte vorweg und überlegt, in welcher Reihenfolge man sie durchführen soll. Dem Verwirklichungsprozess geht ein Planungsprozess voraus. Die Gedanken, die man für diese Planung macht, spielen vor der Verwirklichung und gehören als Ideen nicht der sinnlichen Welt an. Durch den Menschen werden Ideen sinnliche Wirklichkeit. So entstehen seine Werke, die Menschenschöpfungen. Der Künstler Der Maler Paul Klee sagte: Der Künstler misst der natürlichen Erscheinungsform nicht die zwingende Bedeutung bei, wie viele der Kritik übenden Realisten. Er fühlt sich an diese Realität nicht so sehr gebunden, weil er an diesen Form-Enden (der Natur) nicht so sehr den Schöpfungsprozess sieht. Denn ihm liegt mehr an den formenden Kräften als an den Form-Enden. Paul Klee. Vortrag in Jena 26. Jan.1924. In Paul Klee Kunst-Lehre. Reclam Leipzig 1991, S. 82 Im Bezug auf das oben Dargestellte führt ein Künstler die Umsetzung von der Idee zur Tat. Insofern ein Mensch aus seinen Ideen Taten und Werke verwirklicht, und Ergebnisse zeitigt, ist jeder Mensch auch ein Künstler. Bei einem Kunstwerk liegt das Werk vor. Beim Betrachten fordert es den Betrachter auf, sich einzuleben. Insofern ist der Betrachter auch ein moderner Kritiker, weil es uns interessiert, was die kritisierende Persönlichkeit innerlich durchlebt, wenn sie sich dem Genuss des Werkes hingibt. Die wahrhaft moderne Kritik kann keine Ästhetik anerkennen; ihr ist jedes Kunstwerk eine neue Offenbarung; sie urteilt in jeder Kritik nach neuen Regeln, wie das wahre Genie bei jedem Werke nach neuen Regeln schafft. Rudolf Steiner,…

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Das dritte Auge und die Orientierung im übersinnlichen Wahrnehmen

Das dritte Auge und die Orientierung im übersinnlichen Wahrnehmen Man kann bei Neugeborenen und Kleinkindern oben auf dem Scheitel die Fontanelle deutlich pochen spüren. Mit der Zeit wächst diese Öffnung zu. Von ihr sagt Rudolf Steiner: "Das ist die Öffnung, die der Mensch dort in Urzeiten hatte. Dort ging, etwa in der Mitte der Menschheitsentwicklung, eine Art Wärmeorgan heraus, eine Flammenstrahlung, wie Saugarme, wie eine ätherische Laterne – das Zyklopen Auge. Es war aber kein Auge, sondern ein Wärmeorgan. Der Mensch brauchte dieses Organ, um sich zu orientieren. (…)" GA 98. 17 März 1908 (1983) S 213 In vielen völkischen Sagen und Mythen, aber vor allem in Homers «Odyssee» wird geschildert wie die gefangenen Griechen dem Zyklopen Polyphem dieses Auge durch einen glühenden Pfahl ausbrennen. Dieses «Einauge» strömte in Urzeiten unmittelbar zum Herzen. Einen Nachklang findet man bei den Beschreibungen des Scheitelchakras, dem gerade wegen der Kraftlinien, die zum Herzen und von dort in die Glieder strömen, eine enge Beziehung zu dem Stirnchakra nachgesagt wird. Rudolf Steiner erwähnt das Scheitelchakra, so viel ich weiss, nicht, weil diese "Verschmelzung" mit dem Stirnchakra in der Weiterentwicklung der Menschheit von dem leibfreien Denken abgelöst wird. Das leibfreie Denken Das leibfreie Denken wurde vielfach diskutiert. Greift man auf das dritte Kapitel der "Philosophie der Freiheit" zurück, so werden dort genau definierte Schritte zur Wandlung des Denkens beschrieben. Nur kurz zusammengefasst: Es geht in einem ersten Schritt darum, sich einen, von einem selbst gedachten Gedanken in die Meditation herein zu holen. Es ist wichtig, dass ich mein Meditationsobjekt selber gedacht habe, weil es mich in die Lage versetzt seinen Quellgrund zu erforschen, denn ich war dabei, wie es entstand Die Übung besteht darin, dass ich die Kraft der Konzentration aufbringen lernen muss, um mein Meditationsobjekt in der Anschauung zu halten. Ich entwickle in diesem zweiten Schritt ein anschauendes Denken. D.h. aus meinem gewohnten Denken schält sich etwas heraus, als Folge meiner beständigen Bemühung, das sich einem inneren Objekt anschauend zuzuwenden vermag.Mit diesem Schritt führe ich einen frei gewordenen Teil meines Willens in mein Denken hinein1 Der dritte Schritt geht von dem anschauenden Denken aus und wendet sich dem Quellgrund meines Meditationsobjekts zu. Ich übe mich darin, den Ursprung meines zum Meditationsobjekt gemachten gedachten Gedankens zu entdecken und finde zweierlei Quellgründe: Einmal ist der gedachte Gedanke meiner Selbstbezogenheit entsprungen, d.h. er folgte z.B. einem Wunsch oder einer Sinnesanregung, oder er entsprang einer Intuition: "Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende, bewußte Erleben eines rein geistigen Inhaltes,"2 und damit ein Ausgangspunkt für die übersinnliche Wahrnehmung. Jetzt vermag sich das Denken frei zu bewegen und jedem Meditationsobjekt zuzuwenden. Die Denk-Aufmerksamkeit ist zur…

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Das leibfreie Bewusstsein in der Meditation

Erstveröffentlichung in Die Drei 3/2019 Das Wesen des leibfreien Bewusstseins und einige Kriterien zu seiner Erkenntnis In letzter Zeit gab es mehrfach Anlass, sich mit dem Thema des leibfreien, übersinnlichen Erkennens auseinanderzusetzen.1 Eine der Fragen, die dabei entstehen, ist: Führt das, was in diversen anthroposophischen Seminaren als Meditationsübungen praktiziert wird, zu übersinnlichen Erkenntnissen eines leibfreien Bewusstseins, oder handelt es sich lediglich um verfeinerte Sinneserfahrungen? Sind beispielsweise die inneren Bewegungseindrücke und Erlebnisse, die man an der Beobachtung von sprießenden oder welkenden Pflanzen bekommen kann,2 übersinnlich, oder sind es in das Bewusstsein hinaufgeholte und ästhetisch verfeinerte Eindrücke der »unteren« Sinne, des Tast-, Lebens-, Bewegungs- und Gleichgewichtssinnes? Da übersinnliche Wahrnehmungen nur innerlich gemacht und beurteilt werden können, kann es hilfreich sein, sich zu verdeutlich, wie Steiner das leibfreie Erkennen beschrieben hat. Der vorliegende Beitrag möchte zumindest einige Aspekte dieses Erkennens beschreiben, sowie Kriterien darstellen, anhand derer es sich von anderen Erkenntnisarten unterscheiden lässt. In einem zweiten Teil wird an einem meditativen Beispiel der Übergang von leibgebundener zu leibfreier Erfahrung diskutiert. Drei Arten des Erkennens In seiner Autobiographie charakterisiert Rudolf Steiner drei Arten des Erkennens, die »gewöhnliche begriffliche Erkenntnis, die an der Sinnesbeobachtung gewonnen wird«, das »ideelle Erleben, das aber das wirkliche Geistige doch in sich aufnimmt«, ein geistiges »Erleben, an dem der ganze Mensch beteiligt ist«.3 Die Sinneserkenntnis ist vom Organismus abhängig. Bei der ideell-geistigen Erkenntnis ist eine einzelne Einsicht ihrem Wesen nach vom physischen Organismus unabhängig; dass ein solches Erkennen aber überhaupt möglich ist, hängt davon ab, dass »im allgemeinen das Leben im Organismus vorhanden ist.« Die dritte Art von Erkennen kann jedoch nur dann durch den geistigen Menschen zustande kommen, wenn er sich von dem physischen Organismus so frei macht, als ob dieser gar nicht vorhanden wäre. Mein Lebensgang‹ (GA 28), Dornach 1982, S. 325f.  In der ersten Art des Erkennens wird die Wahrheit und Wirklichkeit des Erlebten durch die Wahrnehmung verbürgt. Das Erkennen findet im Hier und Jetzt statt, das Ergebnis wird im Gedächtnis behalten. In der zweiten Art werden Begriffe innerlich erlebt. Diese Erkenntnisart liegt Steiners ›Philosophie der Freiheit‹ zugrunde. Dabei »tritt in der Einzel-Anschauung die unmittelbare Erfahrung von dem über die Anschauungsdauer hinausgehenden Bestand des Wahrgenommenen ein.«4 Beim Erfassen eines Begriffes kann man unmittelbar erleben, dass sein Inhalt nicht nur jetzt wahr ist, sondern es auch gestern war und morgen sein wird. Hier reicht das bloß gedächtnismäßige Behalten des Erkannten nicht aus. Wie der Organismus fortwährend atmen muss, so ist es notwendig, »daß die Seele in einer fortdauernden lebendigen Wechselwirkung stehe mit der Welt, in die man sich durch diese Erkenntnis versetzt.« Diese Wechselwirkung erreicht man durch regelmäßiges Meditieren. In der dritten…

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»Strahlender als die Sonne«

Erstveröffentlichung in Die Drei 10/2018 Die Grenze zum leibfreien Bewusstsein in der Meditation In einem vorangegangenen Artikel1 habe ich mich der Frage anzunähern versucht, wie Erfahrungen zu bewerten sind, die man durch anthroposophische Meditationsübungen relativ einfach erreichen kann, wie z.B. das Erleben von lebendig gestaltenden Kräften in sprießenden oder welkenden Pflanzen. Man bewegt sich mit solchen Erfahrungen an der Grenze zwischen dem gewöhnlichen und einem nicht mehr sinnlichen Bewusstsein, das nach Rudolf Steiner bis zu einem völlig leibfreien Bewusstsein gesteigert werden kann. Ich habe einige Ausführungen Steiners zu diesem leibfreien Bewusstsein dargestellt und Kriterien besprochen, anhand derer man es erkennen kann. Hier möchte ich nun eine Mantren-Meditation beschreiben, durch die man die Grenze zum leibfreien Bewusstsein genauer kennenlernen kann: Strahlender als die Sonne Reiner als der Schnee Feiner als der Äther Ist das Selbst, Der Geist in meinem Herzen. Dies Selbst bin Ich, Ich bin dies Selbst. Es handelt sich um eine theosophische Meditation, die Steiner wohl aus dem Englischen übersetzte und in Esoterischen Stunden seinen Schülern empfahl. Es existiert auch eine schriftliche Erläuterung Steiners dazu.2 Ich möchte mich jedoch vor allem auf eigene Erfahrungen mit diesem Mantram beziehen. Nach dem Herstellen innerer Ruhe und einer ehrfurchtsvollen Seelenstimmung3 versenkt man sich Zeile für Zeile in diesen Spruch. Man beginnt mit einer Art denkenden Auseinandersetzung, wobei dieses Denken langsam, konzentriert und wiederholend ist. »Strahlender als die Sonne« bildet dabei sogleich eine Hürde. Wie muss etwas sein, das noch strahlender ist als die Sonne? Der Satz evoziert eine bildhafte Vorstellung und lässt sich doch nicht verbildlichen. Man gerät dadurch in eine innerer Aktivität, denn ein Noch-Strahlenderes lässt sich nur insofern denken, als man es eben noch strahlender als die Sonne macht. Im gewöhnlichen Bewusstsein ist ein vorgestellte Bild immer ein Endergebnis einer (un- oder vorbewussten) Vorstellungstätigkeit. Durch den Satz »Strahlender als die Sonne« wird das Vorstellungsbild durch diese Tätigkeit selbst überwunden. Da das gewöhnliche Bewusstsein gerade durch seine fertigen Vorstellungen charakterisiert ist, ist die Meditation dieses Satzes schon ein erster Schritt zur Überwindung dieses Bewusstseins. Und da die gewöhnlichen, fertigen Vorstellungen durch ›Spiegelung‹ der geistigen Vorstellungstätigkeit am Leib (Gehirn) entstehen, führt die Meditation dieses Satzes bereits zu einer ersten Stufe der Leibfreiheit, anthroposophisch gesprochen zu einem Eintauchen in die ätherische Bildetätigkeit des Denkens. »Strahlender als die Sonne« erfordert eine Aktivierung des Denkens, wie sie von Rudolf Steiner als erste Stufe der anthroposophisch-meditativen Schulung immer wieder gefordert worden ist. Um die ätherische Bildetätigkeit noch bewusster zu erleben, kann man einem Vorschlag Steiners4 folgen, indem man die mantrischen Worte, die man sich zunächst innerlich vorgesprochen hat, bewusst zurückhält. Ich denke dann weiterhin denselben Inhalt, aber ich lasse ihn…

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