Innere Ruhe gehört in diesen rastlosen Zeiten zu den am meisten erstrebten und doch so fernen Gütern, die man sich für den Feierabend, das kommende Wochenende, den nächsten Urlaub, die Pensionierung oder vielleicht, schneller verfügbar durch ein Glas vom Roten erhofft. Und wem diese Ruhe bedrohlich, weil in ihr neue Räume und Gründe für tiefere Unrast geahnt werden, wem diese Ruhe als Vorbote der letzten Ruhe in fortgesetzte Regsamkeit versetzt, wem die Mahnung von Freunden und dann auch vom Kardiologen, man solle doch einen Schritt kürzertreten, wem all dies zu nahetritt, dem sei diese Hinführung zur Meditation zugeeignet.
Am Beginn möge ein Zitat stehen, das in seiner Klarheit und gleichzeitiger Fremdheit jene Distanz erst ermöglicht, von der im zweiten Satz die Rede sein wird. Es wird gesprochen vom Geheimlehrer – der Geheimschule – dem Geheimschüler – Regeln, in Symbolen gegeben – von der Geburt des „höheren“ Menschen und dem Blick in höhere Welten. Rudolf Steiner beschreibt hier einen Prozess, der beim Lesen, das erschafft, wovon er spricht. Vorausgesetzt die alten Worte lenken nicht ab vom stillen Zentrum, aus dem der Text tönt:
„Der Geheimlehrer gibt dem Schüler auch praktische Regeln zur Entwicklung des inneren Lebens, wobei er sie so gibt und sich dem Schüler gegenüber so verhält, dass er in dessen freien Willen zu keinem Zeitpunkt eingreift.
Die erste Regel lautet: Schaffe dir Augenblicke innerer Ruhe und lerne in diesen Augenblicken das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Solche Regeln wurden früher in den Geheimschulen nicht in Worten, sondern in Symbolen gegeben.
Der Geheimschüler soll sich für kurze Zeit (mindestens fünf Minuten) aus seinem Alltagsleben herausreißen und wie ein Fremder seine Empfindungen und Taten betrachten. Er muss mit der inneren Ruhe des Beurteilers sich selbst entgegentreten. Der Wert dieser ruhigen Selbstschau hängt weniger davon ab, was er dabei schaut, als in der Kraft, die eine solche innere Ruhe entwickelt.
Diese Ruhe wird dann auch auf das Alltagsleben ausstrahlen und zu einer ganz neuen Lebensauffassung führen. Die gewonnene Ruhe und innere Sicherheit wirken schließlich weiter auf das ganze menschliche Wesen. So werden dann z. B. als Beleidigungen gemeinte Worte an dem Geheimschüler abperlen. Beim Warten wird er, statt zwecklose Ungeduld zu entwickeln, die Zeit für Beobachtungen nutzen usw.
Durch diese innere Ruhe schafft der Schüler Raum in sich für die Geburt des „höheren Menschen“, der dann der innere Herrscher wird und die Verhältnisse des äußeren Menschen sicher führt.
Aber über diese Selbstbetrachtung muss der Schüler hinauskommen und sich zu dem
rein Menschlichen erheben, seinen Blick in die höheren Welten richten. Diese innere
Beschaulichkeit muss ihm Lebensbedürfnis werden, er muss lieben, was ihm in diesen stillen Momenten als Geist zuströmt. Er erkennt dabei, dass die Gedanken nicht bloße Schattenbilder, sondern verborgene Wesenheiten sind. Dieses Leben in geistiger Wesenheit nennt die Geheimwissenschaft Meditation.“
Innere Ruhe entsteht durch Verlangsamung und Innehalten äußerer Tätigkeit. Man steht still, setzt sich, legt sich zu Ruhe und hält Wacht an der Grenze zum Schaf. Auch das Gewohnte, das mit Bedeutung gefüllte Gewöhnliche führt heran an diesen Ort, wo die Versuchung, die Ruhe der Not des erschöpften Körpers anheim zu stellen, lockt. Das Einrichten des Ortes der Stille, das Entzünden einer Kerze mit dem Geruch des Zündholzes und was an liebgewonnenen, kindlich oder priesterlich ernsten Verrichtungen die Erwartung der Ruhe pflegt. Diese Ruhe entsteht bis die Regsamkeit des Leibes, das Strömen der Säfte, bis Herzschlag und Atmung, die Tumulte der Verdauung, die niemals zum Stillstand kommen dürfen, bis Ruhe im an- und abschwellenden Rhythmus von Bewegung und Pause die Seele erfüllt. Achte den Atem, achte auf alles, was kommt, achte wie es vergeht, empfehlen die Lehrer und raten, nicht zu verharren im Atem der Luft sondern fortzuschreiten zum Atmen des Licht, das in die Augen strahlt und dem Blick, der die Seele hinaus in die Welt verlässt und wieder heimkehrt.
Rudolf Steiner: „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“
All dies mag Vorbereitung sein, damit geschieht, was nicht erwartet werden kann. Dass Ruhe sich ergießt in all mein Sein. Für fünf Minuten am Tag oder einen Atemzug, einen Herzschlag oder einen Augen-Blick.
Wer innere Ruhe sucht, hat sie nicht. Sie ist immer schon da – unter und hinter und in aller Bewegung. So trage ich Ruhe in mir, jenseits der Suche im Geflimmer des Lichts. In der Ruhe wirken die Kräfte, die mich stärken, in Wärme, die mich erfüllt und löst, was im Leibe sich staut. Der sanfte Wille, der nichts muss, der mich durchdringt ganz ohne Macht. Und fühlen darf ich der Wärme Fluss, der sich ergießt in all mein Sein, in diese tiefe Ruhe. Ich will sie fühlen, wie sie als Quelle der Kraft in meinem Streben fließt.
„Ich trage Ruhe in mir,
Rudolf Steiner
Ich trage in mir selbst
Die Kräfte, die mich stärken.
Ich will mich erfüllen
Mit dieser Kräfte Wärme,
Ich will mich durchdringen
Mit meines Willens Macht.
Und fühlen will ich
Wie Ruhe sich ergießt
Durch all mein Sein,
Wenn ich mich stärke,
Die Ruhe als Kraft
In mir zu finden
Durch meines Strebens Macht.“
Praktische Anleitung zur inneren Ruhe.
- Wähle einen Ort und eine Zeit, in der dich nichts und niemand stört.
- Gibt dem Ort Würde gemäß deiner Neigung.
- Setze dich zur Ruhe.
- Versammle deine Gedanken um etwas, das dir Wesentlich ist.
- Schenke dem Wesentlichen deine Aufmerksamkeit.
- Verweise das Unwesentliche in seine Zeit.
- Kehre wieder und wieder zum Wesentlichen zurück.
- Betrachte die Kraft, die das Wesentlichen auf dich ausübt.
- Halte dich aufrecht in dieser Kraft.
- Betrachte das Wesen, das im Wesentlichen wirkt.
- Danke und verlasse den Ort der Ruhe.
- Trage die Ruhe mit Dir.
Ein Gleiches
Der Zug ist weg. Der Anschluss wird nicht erreicht. „Do not leave your luggage unattended.“ So viele Menschen, dass die Tauben zwischen den Füßen keine Brosamen finden. Aussteingen und Einsteigen. Erwartung und Erschöpfung. Ankommen und Wegfahren. Abschieds- und Willkommensinnigkeit. Gepäck, das immer zu viel ist. „Die Mysterien“, so sagt Josef Beuys, „finden heute am Hauptbahnhof statt.“ In Gedankenruhe, im Seelengleichgewichte, in Seelentiefen.