Bemerkungen zu Schöpfung aus dem Nichts

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  • Beitrag zuletzt geändert am:20. Oktober 2023
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Winfried Karitter

Einige Bemerkungen zu der Zeichnung Rudolf Steiners
am Ende meines Artikels über die Schöpfung aus dem Nichts
unter Berücksichtigung des Vortrages Rudolf Steiners vom 10. Mai 1924 (GA 353)

                              Lichtgelöst
                              Wächst Deine Seele grasig
                              Dennoch Du weisst
                              Am Seelenfaden ist eine Wurzel
                              Und Deine Seele lichtumfangen
                              Gleicht einer schimmernden Perlenschnur

Rahel Mirjam Abraham

Vortrag und Zeichnung vom 10. 5. 1924 (GA 3531) stellen die Sicht  Rudolf Steiners auf den „jüdischen Sephirothbaum“ dar. Die Juden des Altertums, so Steiner, hätten ihre höchste Weisheit darin eingeschlossen, in den ersten zwei Jahrhunderten nach der Entstehung des Christentums habe man von allen diesen Dingen gewusst, als die Juden sich zerstreut haben in die Welt, ist diese Art zu wissen auch zerstreut worden.

Diese Annahme Steiners entspricht nicht den gesicherten historischen Tatsachen.

Der Begriff „Sephiroth“ erscheint zum ersten Mal in einem frühen mystischen Buch, dem „Sefer Jezira“ (Buch der Schöpfung) zwischen ca. 200 – 600 neuer Zeitrechnung. Der Autor ist unbekannt.

In diesem Buch bezeichnet der Begriff Sephiroth heilige Zahlen, mit denen Gott zusammen mit den 22 hebräischen Buchstaben das Universum erschuf. Den sogenannten Baum der Sephiroth zusammen mit den Begriffen für die einzelnen Sephiroth finden wir erst in der kabbalistischen Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts. In dieser Zeit entstand auch erst die Kabbala, wie wir sie heute kennen. Dieses hebräische Wort war natürlich schon zuvor bekannt und gebräuchlich, es bezeichnet schlicht den Empfang oder die Tradition. So beginnen Juden den Shabbat mit dem Kabbalat Shabbat, den Empfang des Shabbat.

Wenn wir heute von Kabbala sprechen, meinen wir ausschliesslich die Mystik des Judentums. Ort der Entstehung dieser Geisteswissenschaft war Spanien und die Provence im 12./13. Jahrhundert.

Namen einiger Rabbiner, die führend an der Geburt der Kabbala beteiligt waren:

  • Jizchak der Blinde, genannt auch Sagi Nahor (der Lichtreiche), ca. 1165 – 1235.
  • Asriel von Gerona (1160 – 1238). Gerona in Nordspanien war ein Zentrum des spirituellen Judentums. Dort wirkten wenigstens 12 Kabbalisten. Asriel beeinflusste nach prominenter Auffassung
  • Jakob Böhme (155 – 1624) deutscher Mystiker
  • Josef GiKatilla (1248 – 1325) aus Medinaceli und Segovia.
  • Sein Lehrer Abraham Abulafia (ca. 1240 – 1291), den ich besonders schätze. Abulafia suchte den Papst auf und forderte die Freilassung des jüdischen Volkes, d.h. die Einstellung der mörderischen Verfolgungen. Abulafia wurde sofort verhaftet und wäre auch verbrannt worden, wenn nicht der Papst wenige Tage später gestorben wäre.
  • Ein weiterer wichtiger Ort für die Entwicklung der Kabbala war Safed im Galil (Galiläa). Hier wirkten im 16. Jahrhundert u.a. die grossen Rabbiner Moses Cordovero, sein Schüler Jizchak Luria und dessen Schüler Chaim Vital.
  • Schliesslich ist noch der osteuropäische Chassidismus zu erwähnen, begründet im 18. Jahrhundert von Israel Ben Elieser. Diese Strömung wurde in Europa insbesondere durch Martin Buber bekannt.

Diese wenigen Ausführungen zu Kabbala und ihrer Geschichte sollen hier genügen. Ich hoffe, dass sie ausreichen, auf den Reichtum und die noch heute geltende Bedeutung für die Geistesarbeit der Menschen- nicht nur der Juden- hinzuweisen. In dem Gesamtwerk Rudolf Steiners findet sich hierzu fast nichts. Die wenigen Äusserungen sind meiner Meinung nach zum Teil von der Auffassung Steiners, das Fortbestehen des heutigen Judentums sei ein Irrtum der Weltgeschichte, geprägt.

Ich komme jetzt auf Steiners Auffassung zurück, dass die Juden im 12. Jahrhundert nicht mehr recht gewusst hätten, wie man durch diese zehn Sephiroth liest. Deshalb sei ein grosser Streit über zwei Sätze entstanden. Der erste Satz: Hod, Chesed, Binah, der zweite Satz: Chesed, Kether, Binah. Man muss wissen, so Steiner weiter: „Diese Sätze sind aus dem Sephirothbaum heraus; der eine hat so, der andere so gelesen“. Was Steiner unter den „Sätzen“ versteht, erschliesst sich mir nicht. Die Sephiroth sind heilige Worte, keine Sätze, jedenfalls bin ich in der Literatur niemals auch nur Ähnlichem begegnet.

Festzuhalten ist, dass der Sephirothbaum über Jahrhunderte bis in die heutige Zeit ein Grundpfeiler jüdischer Spiritualität war und ist, die Literatur hierzu ist riesig und wird ständig erweitert.

An der Aussage Steiners stimmt lediglich, dass es tatsächlich im 12./13. Jahrhundert im mediterranen Raum einen gravierenden Streit gab. Er von einer solchen Gewalt war, dass die Einheit des Judentums zu zerbrechen drohte. Auslöser war weder der Sephirothbaum noch waren es die von Steiner zitierten Sephiroth.

Ausgelöst wurde die Kontroverse durch die Schriften des Maimonides, der die Unkörperlichkeit und absolute Transzendenz des göttlichen Wesens betonte. Man könne deshalb keinerlei Erkenntnis über die Wesenheit Gottes erlangen.

Dagegen standen die Juden, die sich unter anderem auf Gen 1,26 bezogen, wonach Gott den Menschen nach seinem Bild und Ähnlichkeit geschaffen habe. Die Anthropomorphismen der Bibel, mit denen Gott menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden, kamen dem Bedürfnis dieser Menschen sehr entgegen, sich einem persönlichen Gott zu nähern.

Die Streitigkeiten gingen soweit, dass sich die Parteien sich gegenseitig in Bann taten.

Es war das Verdienst der Kabbalisten, diesen schier unüberbrückbaren Gegensatz aufgelöst zu haben.

Sie teilten voll und ganz die strenge Auffassung von der absoluten Transzendenz der Gottheit, bezogen aber alle Anthroposophismen, die man nicht leugnen konnte und auch nicht wollte, auf die Manifestationen in den göttlichen Wirkungskräften der Sephiroth (Johann Maier in seinem Buch „Die Kabbalah“, München 1995). Die zehn Sephiroth sind demnach Emanationen Gottes und nicht Gott. Mit diesen Aussagen wurde zugleich die Gefahr eines Pantheismus zurückgedrängt, der sich immer wieder durchzuschlängeln versuchte. Gott ist in der Natur, er ist nicht die Natur.

Bevor ich zu der Zeichnung Steiners und seiner Übersetzung der einzelnen Sephiroth gehe, einige Bemerkungen zur jüdischen Hermeneutik heiliger Texte insbesondere der Bibel:

Almuth Bruckstein schreibt dazu in ihrem Buch „Vom Aufstand der Bilder, Materialien zu Rembrandt und Midrasch“: „Die hebräische Schrift, Thora, ist, wie vielleicht jeder heilige Text, einer, der sich nicht fortschreibt in dem, was dasteht, sondern vielmehr in seinen Lücken und Unebenheiten, in und an denen sich unendliches narratives Material aufhängen lässt, wie Mäntel an einem Haken. Die traditionelle Auslegungspraxis kennt keine Richtlinie des Prinzips „Sola Scriptura“.

Bruckstein zitiert hierzu eine Stimme aus dem 12. Jahrhundert (Rabbi Salomon ben Abraham ibn Parchon):

„Die Nichtjuden benutzen alle möglichen Bibelübersetzungen, von denen sie glauben, dass diese den tatsächlichen wörtlichen Sinn des Textes wiedergeben. Damit haben sie aber die 70 Gesichter der Thora ausgelöscht“.

Hierzu muss man wissen, dass 70 hier keine numerische Zahl ist, 70 steht für den hebr. Buchstaben Ajin, der Auge bedeutet. Sieht das Auge einen Baum, so werden damit zugleich die Blätter wahrgenommen, die aber in ihrer Zahl nicht erfassbar sind. Die 70 Gesichter der Thora bedeutet, dass es unendlich viele Deutungsmöglichkeiten gibt. Thoralernen ist also ein lebendiger nicht enden wollender Vorgang, der keine Dogmen zulässt, der immer wieder Fragen aufwirft, der auffordert, Standpunkte zu verlassen, unbekannte Wege sucht.

Die 70 Gesichter der Thora sind ein unverzichtbarer Teil jüdischer Hermeneutik. Dieser hermeneutische Grundsatz lässt in mir die Frage aufkommen: Wie gehen wir mit den Klassentexten um? Wir haben die Mantren und die Zwischentexte. Die Mantren sind der Kernbereich, die Zwischentexte sollten nicht mitgeschrieben bzw. aufbewahrt werden. Werden die Zwischentexte als Kommentierungen zu den Mantren begriffen, kann sich dem Leser ein Freiraum für eigene Verständnisse eröffnen.

Moses Cordovero (Saved 16. Jahrhundert) schreibt bezüglich des persönlichen Studiums der Thora folgendes:

„Getreulich wird Gott dich Aspekte der Thora erkennen lassen, die noch niemand sonst erkannt hat. Denn jede Seele hat einen einzigartigen Anteil an der Thora.“

Werden diese Worte auf die Klassenstunden übertragen, ist das eigene Verständnis und das eigene Erleben bedeutender als der Zwischentext. Wie soll ich sonst Steiners Aufforderung verstehen, diese Texte nicht mitzuschreiben.

Marc-Alain Ouaknin (in Frankreich bekannter Philosoph und Rabbiner) äussert sich in seinem Werk „Das verbrannte Buch“ in ähnlicher Weise:

„Die Lektüre (hier Meditation) ist ein Schöpfungsakt. Keine Lektüre darf mit ihrer vorhergehenden identisch sein. Jede Lektüre, jedes Studium gebiert neue Gesichte“.

Wende ich mich nun der Zeichnung Steiners (Sephirothbaum) und dem Text des Vortrages zu, muss ich leider sagen, dass die Zeichnung sich überhaupt nicht, der Text sich wenig zu den jüdischen Überlieferungen verhält.

Die traditionelle Grafik des Sephirothbaums macht dies sofort deutlich.

Sephirot-Baum

An dieser Zeichnung fällt sofort auf, dass sie Struktur hat, der Sephirothbaum ist gegliedert, er ist ein Organismus. Jede Sephira hat ihren Platz, alle sind durch sogenannte Röhren verbunden, durch diese fliesst göttliche Kraft. Die rechte Seite wird männlich, die linke weiblich genannt. Diese Bezeichnungen beziehen sich nicht auf die irdischen Geschlechter Mann und Frau. Die mittlere Säule ist teilweise geprägt von dem Zusammenwirken beider Seiten.

Rudolf Steiners Zeichnung lässt eine solche Gliederung nicht erkennen. So hat Rudolf Steiner z.B. die Sephiroth Tipheret und Jesod nach rechts verlegt, sie haben aber ihren Platz in der Mitte. Die Abweichungen können am besten im Vergleichen beider Zeichnungen erkannt werden.

Die Deutungen einzelner Sephiroth durch Rudolf Steiner kann ich nicht in Gänze kommentieren, dies würde den Text sprengen. Ich möchte nur Einiges herausgreifen.

Wer sich für dieses Thema interessiert, kann den Vortrag von Rabbi Gabriel Strenger gehalten im Juni 2013 in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart im Internet aufrufen. „Der Baum der Sephiroth“. Dieser Vortrag ist für Laien leicht zu verstehen, er geht auf alle Sephiroth ein.

Oberhalb des Sephiroth-Baumes sollte immer der hebräische Begriff „Ain Soph“ (wie in der Abbildung) stehen. Ain Sophbedeutet wörtlich „ohne Grenze“ oder „grenzenlos“. Ain Soph ist keine Sephira, dieses Wort entzieht sich jeder begrifflichen Festlegung.

Im Gegensatz zum persönlichen Gott der Sephiroth repräsentiert Ain Soph die radikale Transzendenz Gottes (Daniel Matt in „Das Herz der Kabbala“). Matt zitiert hierzu Moses Cordovero:

„Schreibe Gott keine Dualität zu. Lass Gott einzig Gott sein. Wenn du annimmst, dass Ain Soph bis zu einem bestimmten Punkt ausströmt und von diesem Punkt an ausserhalb ist, dann hast du dualisiert, Gott behüte. Erkenne daher, dass Ain Soph in allem, was existiert, vorhanden ist. Sage nicht: Das ist ein Stein und nicht Gott, Gott behüte! Die gesamte Existenz ist Gott, und der Stein ist ein Ding, das von Gottheit erfüllt ist“.

Damit ist Gott bis in die Materie hinein grenzenlos, er ist die totale Einheit. Weiter Cordovero:

„Weiterhin solltest du wissen, dass Ain Soph seine Sephiroth austrahlte, damit sie seine Handlungen ausführen. Sie dienen als Gefässe für die Handlungen, die von Ain Soph in die Welt der Trennung und darunter reichen. Seine Existenz und sein Wesen breiten sich durch die Sephiroth aus, diese Sephiroth haben unauslöschbare Namen“.

Diese Namen waren im Judentum natürlich schon vor der eigentlichen Entstehung der Kabbala bekannt, allerdings ohne ihre Zuordnung nach dem Baum der Sephiroth.

So ist es für mich nicht erstaunlich, dass im „Vater unser“ drei dieser Namen genannt werden: Denn Dein ist das Reich (Malchut) und die Kraft (Geburah) und die Herrlichkeit (Tifereth).

Der Sephirothorganismus wird als umgekehrter Baum begriffen, er wurzelt im Himmel, seine Früchte ernähren über Malchut die Erde und insbesondere die Menschen, wenn sie es denn wollen. Der Sephirothbaum wird auch oft Adam Kadmon genannt. Wegen Platzmangels kann nicht auf dieses sehr interessante Thema eingegangen werden.

Ain Soph

Ain Soph steht auch in Zusammenhang mit dem ersten Schöpfungswort:

„Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht“.

Aus der hebräischen Grammatik zu diesem Wort schliessen die Rabbinen, dass das Licht schon immer in Gott war, durch das erste Schöpfungswort wurde es freigesetzt. Es ist das sogenannte Urlicht, dass nicht mit dem Licht der Sonne und der Sterne zu verwechseln ist. Dieses Urlicht ist von einer solchen Kraft, dass Gott es zurücknehmen musste – allerdings nicht vollständig:

Eine Stimme aus dem Sohar:

„Wenn das Licht völlig verborgen wäre, würde die Welt nicht einmal einen Augenblick existieren! Es ist vielmehr verborgen und ausgesät wie ein Samen, der Körner und Früchte hervorbringt, dadurch wird die Welt genährt. Jeden Tag erhält ein Strahl dieses Lichts, der auf die Welt fällt, alles am Leben; mit diesem Strahl nährt Gott die Welt. Und überall, wo am Abend die Thora studiert wird, erscheint ein fadendünner Strahl dieses verborgenen Lichts und fliesst auf jene nieder, die in ihr aufgehen. Seit dem ersten Tag war das Licht nie völlig verborgen, es ist lebensnotwendig für die Welt und erneuert jeden Tag die Schöpfung“.

Rabin Judah

Die Qualität des verborgenen und doch nicht verborgenen Lichtes empfinde ich in dem Eingangsgedicht: „Und deine Seele lichtumfangen gleicht einer schimmernden Perlenschnur“. Das Licht der Perle ist verhalten, schimmernd.

Eine besondere Beziehung zum verborgenen und doch nicht völlig verborgenen Urlicht haben über Kether die Sephiroth Chochmah und Chessed.

Wenn Rudolf Steiner auf Seite 213 des Vortrages schreibt, dass Chochmah rechts und Binah links eingeordnet ist, ist das richtig. Auch die Übersetzung Steiners mit Weisheit und Intelligenz trifft, wenn auch Binah zumeist mit Einsicht oder unterscheidende Vernunft übersetzt wird.

Ich möchte ein Bild aus dem Sohar einfügen:

„Aus den Tiefen des Nichts erscheint ein Urpunkt – Chochmah, dieser Urpunkt baut sich einen Palast – Binah“.

Sohar

Binah ist der Schoss, die göttliche Mutter. Sie empfängt Chochmah, den männlichen Ursamen. Alles Erschaffene hat in ihr (Binah) seinen Ursprung, sie ist die Totalität aller Individuation, so Daniel Matt.

Demnach: nur durch Trennung und Vereinigung (Befruchtung) entsteht Neues und damit Zukunft.

Verzichtet unser Intellekt auf Begegnung und Vereinigung mit Chochmah, wird unsere Welt so, wie sie leider in Bereichen schon ist. Für mich ist es nachvollziehbar, dass Weisheit eine deutliche Affinität zum Urlicht hat.

Wenn wir uns den nächsten Sephiroth Chesed, Geburah und Tiphereth und Rudolf Steiners Übersetzung ins Deutsche zuwenden, kommen insbesondere bei der Übersetzung von Chesed als Freiheit Fragen auf: Freiheit – wozu?  

Chesed wird nach jüdischem Verständnis als Liebe ohne Grenzen, auch Gnade ohne Begrenzung verstanden. Chesed ist die überfliessende Liebe Gottes gegenüber allen Geschöpfen.

Natürlich kann Liebe nur in völliger Freiheit gedeihen. Liebe ich, muss der Andere in der Gegenliebe völlig frei sein. Nach jüdischer Auffassung darf ich nicht einmal hoffen, dass ich wiedergeliebt werde. Hoffnung kann seelisch sehr belastend sein –„dem Hoffnung schon die Schwingen lähmte“.  Weinreb prägte den radikalen Satz: „Wenn Du wirklich liebst, lass alle Hoffnung fahren!“

Die Übersetzung „Freiheit“ trifft m.E. nicht den Kern von Chesed.

Gegenüber von Chesed steht Geburah. Steiner übersetzt richtig mit Kraft. Geburah ist eine Sephirah auf der linken Säule. Die linke Seite steht nach jüdischer Auffassung der materiellen Welt nahe, ist aber in keiner Weise auch nur annähernd materiell. Von den in der Bibel genannten Engel ist Gabriel der Erde bzw. der Materie am nächsten stehend. Deswegen ist er der Verkündigungsengel. Gabriel und Geburah haben denselben Wortstamm.

Ein weiterer sehr wichtiger Name für diese Sephirah ist „Din“, was Recht oder Gericht bedeutet.

Rabbi Strenger schreibt zu den beiden Sephiroth Din und Chesed:

“Chesed ist die expansive göttliche Kraft, der Welt grenzenlose Liebe zukommen zu lassen (Psalm 145/9: Der Herr ist gut zu allen, seine Barmherzigkeit ist über alle seiner Geschöpfe), Din ist der linke Gegenpol, er wirkt restriktiv und sorgt für Grenzen und Gerechtigkeit, die auferlegten Grenzen können für den Menschen sehr schmerzhaft sein, Grenzen schützen die Welt davor, von göttlicher Energie überschwemmt zu werden. Also hält Gott sich zurück. Und gerade diese Zurückhaltung macht Gottes Stärke aus, wie auch bei Menschen Selbstbeherrschung ein Zeichen von Stärke ist. Wer ist stark? der seinen Trieb beherrscht (Talmudtraktat: Sprüche der Väter)“.

Rabbi Stenger

Nach dem Sohar ist Chesed ein sehr starker Ausfluss des Urlichtes. Es ist dieses Licht, diese grenzenlose Liebe Gottes, die aus Gott den „lieben Gott“ macht, so Strenger.

Beide Sephiroth sind Eigenschaften des einen Gottes. Nur wenn sie im Gleichgewicht sind, kann Thipheret geboren werden, nur dann ist Harmonie und Herrlichkeit, wie Tipheret übersetzt werden kann.

Der Gottesname von Din ist, wie Josef Gikatilla in seinem Buch „Pforten des Lichts“ schreibt: Elohim.

Da der Sephirothbaum nicht nur makrokosmisch sondern auch mikrokosmisch wirkt, er ist wie ein Bild in die seelisch-geistige Struktur des Menschen hineingeflochten worden, weist Gikatilla mit Ernst auf die Verantwortung des Menschen hin, der urteilen, richten muss:

„Dem gemäss musst du bedenken, dass jeder, der als Richter fungiert, ob es ein Engel ist oder ein Mensch, zur Zeit des Gerichtsverfahrens Elohim genannt wird oder wenn er als Gemeindeverantwortlicher für das Rechtswesen ernannt worden ist“.

Gikatilla

Nur der Entscheider, der die Menschen liebt, darf daher urteilen oder richten. Das Fehlen der Liebe zum Menschen wie auch zur Schöpfung kann man bestens an der Verwaltung sowie der Justiz in Nazideutschland erleben.

Weitere Sephiroth

Was die Sephiroth Nezach, Hod und Jesod angeht, können sie als Dreiheit angesehen werden, die einen dialektischen Prozess repräsentieren.

  • Netzach kann als Eroberung, Überwindung auch als Sieg verstanden werden. Steiner übersetzt: „Überwindung“, was richtig ist.
  • Hod ist das Gegenteil von Netzach: Hod kommt von hodaa, was mit danken, unterwerfen, zugeben übersetzt werden kann. (Es gibt noch weitere Deutungen von Hod, auf die ich hier verzichte).
  • Nezach steht auf der rechten Seite, Hod auf der linken.
  • In der Mitte steht Jesod (Fundament), Jesod ist der Ausgleich zwischen den beiden Polen.

Steiner schreibt zu Hod: „Was beim Menschen auch die Fortpflanzung hervorbringt, was also mit der Sexualität zusammenhängt, das nannten die alten Juden Hod“.

Eine solche Deutung ist mir bisher nicht begegnet. Als befruchtende Kraft wird vielmehr Jesod betrachtet. Tiferet ist nach kabbalistischer Deutung männlich, Malchut weiblich. Jesod ist das Glied von Tiferet und befruchtet Malchut. Nur durch eine solche Vermählung konnte und kann Malchut die Welt gebären. Durch Malchut wird der Schöpfung die Einwohnung Gottes, die Schechina eingeprägt.

Malchut wird auch kleine Mutter genannt im Gegensatz zu Bina als grosse Mutter.

Nach einem Midrasch kam es in der Einheit Gottes bei Schöpfung des Menschen zu einer Auseinandersetzung insbesondere mit Engeln, die befürchteten, der Mensch könne sich von Gott abwenden und gegen ihn rebellieren, Gott möge doch von der Erschaffung des Menschen absehen.

Hier griff die weibliche Seite Gottes ein: Sie begebe sich mit den Menschen auf die Erde, sie gehe ins Exil. Möge sich der Mensch von dem Ewigen abwenden – ich verlasse ihn nicht.

Wird dieser Midrasch ernst genommen, ist eine Antwort auf die Frage: Ist Gott männlich oder weiblich oder beides, nicht einfach zu beantworten.

Malchut ist überwiegender Ansicht nach noch nicht die sichtbare, materielle Erde. Einige Rabbinen greifen auf Platons Höhlengleichnis zurück: Malchut sei das, was vor der Höhle geschieht.

Rudolf Steiner begreift die zehn Sephiroth als geistige Buchstaben. Er sagt wörtlich:

„Denn kein Mensch sagt Ihnen heute, daß diese zehn Sephiroth solche Buchstaben waren für die geistige Welt. Das können Sie sonst nirgends hören, das weiß eigentlich heute kein Mensch!“

Rudolf Steiner, GA 253,S. 217

Wie oben bereits erwähnt waren zu Steiners Lebzeiten die zehn Sephiroth wichtige Bausteine spirituellen jüdischen Lebens. Langsam öffnen sich auch in christlichen Kirchen Menschen für diesen Schatz.

Am Schluss des Vortrages geht Steiner noch auf das Aleph- Beth ein, also auf die 22 hebräischen Buchstaben insbesondere auf Aleph. Er betont Aleph sei eigentlich der Mensch. Steiner geht von der jetzt gebräuchlichen hebräischen Schrift, der sogenannten Quadratschrift aus. In dem Vortrag wird Aleph in etwa wie ein X gedruckt.

Belässt man es bei den Ausführungen Steiners, ergibt sich kein exaktes Bild der hebräischen Schrift und ihrer Bedeutung.

Die heute in Israel gebräuchliche Quadratschrift wurde erst nach der Zerstörung des ersten Tempels von den Aramäern übernommen.

Zuvor gebrauchte man in dem gesamten vorderasiatischen Raum eine wohl von den Phöniziern geprägte abstrakte Bilderschrift. Jeder Buchstabe stand sowohl für einen Begriff und eine Zahl. Diese Bilderschrift wanderte über Griechenland nach Rom unter Verlust der zugehörigen Begriffe und Zahlen. Unser A z.B.  entstand aus dem alten Zeichen für Aleph.  Dieses Zeichen steht nicht für den Mensch sondern bedeutet „Kopf des Stieres“. Stellt man unser A auf den Kopf, werden die Hörner des Stieres deutlich. Der zweite Buchstabe Beth wird von Steiner richtig mit „Haus“ übersetzt. Beth ist uns allen wg. der kleinen Stadt Bethlehem – Beth lechem = Haus des Brotes bekannt. Der sechste Buchstabe ist WAW. Er ist unser W. Waw ist für die Deutung von Aleph nach der heutigen Schreibweise wichtig. Waw hat die Bedeutung Haken, Waw ist ein Buchstabe, der verbindet. Er wird häufig für unser Wort „und“ gebraucht.

Wenn wir die lateinische Schrift mit der hebräischen vergleichen, erleben wir unsere Buchstaben auf der Grundlinie stehend, sie marschieren auf dieser unteren Linie wie einst römische Legionäre.

Die hebräischen Schriftzeichen hängen an der oberen Linie, sie stehen nicht auf der Grundlinie, sie tropfen wie aus einem Punkt, werden erst zu einem Tropfen, der als der Buchstabe Jod begriffen wird und entfalten sich erst dann zu den eigentlichen Buchstaben. Die obere Linie kann als Schwelle zur geistigen Welt begriffen werden. Die Buchstaben überschreiten bis auf einen niemals diese Schwelle. Dieser Eine ist der Buchstabe Lamed. Für Lamed steht nach Friedrich Weinreb der Begriff Ochsenstachel. Ein Ochsenstachel treibt Ochsen an. Die Ochsen sind – horribile dictu – natürlich wir Menschen. Lamed fordert uns auf, den mühsamen Weg der Annäherung zur geistigen Welt, zu Gott – hebräisch Halacha – zu beginnen.

Buchstabe Aleph

Wird der Buchstabe Aleph nach der jetzigen Schreibweise angesehen, fällt auf, dass er dreiteilig verstanden werden kann. Wir haben rechts oben und links unten nahezu identische „Tropfen“, sie werden jeweils als Buchstabe Jod gelesen. Der Strich in der Mitte ist ein Waw. Also: Jod-Waw-Jod oder „Oben und Unten“ oder „Himmel und Erde“. Das einzige Lebewesen, das die geistige Welt und die Erde zu verbinden vermag, ist (nicht nur) nach jüdischer Auffassung der Mensch. Das Bild für Aleph kann deshalb gelesen werden: Geistige Welt-Mensch- irdische Welt. Waw ist demnach analog zum Menschen zu begreifen. Der Mensch ist das „Und“.

Wenn Rudolf Steiner die zehn Sephiroth als Buchstaben für die geistige Welt wertet (auf die Problematik dieser Auffassung gehe ich nicht ein), gilt dies erst recht für die hebräischen Buchstaben. Die 22 Buchstaben sind heilig. Sie haben ihren Platz zurecht im Sephirothbaum, jede der 22 Röhren steht nämlich für einen Buchstaben. Die 10 Sephiroth und die 22 Buchstaben werden als die 32 Pfade der Weisheit betrachtet.

Rudolf Steiner schliesst seinen Vortrag mit den Worten:

„Sehen Sie meine Herren, das ist dasjenige, was man gerade auch am Sephirotbaum lernen kann, wenn man ihn in der richtigen Weise begreift“

Rudolf Steiner GA 253, S. 213

Ob Rudolf Steiner diesem seinem Anspruch gerecht wurde, möge jeder selber beantworten.

Da ich nichts über die Wesentlichkeit der Zahlen des hebräischen AlephBeths geschrieben habe, soll hier ein Wort des Vorsitzenden der Friedrich Weinreb-Stiftung Heini Ringger stehen:

„Eine alte Weisheit sagt, alles ist Zahl. Dazu zählt auch das kabbalistische Erzählen der Zahlen, Buchstaben und Worte. Doch ist es ein anderes Erzählen als das der numerischen Zahlen der globalen Digitalisierung und deren heutigen Anwendungen etwa in der künstlichen Intelligenz. Vor allem ist es ein anderes Erleben und ein anderes Tun. Die qualitativen Zahlen der Kabbala erzählen unser Leben vom Ewigen her und weisen auf unsere Ewigkeitsstruktur im zeitlichen Leben hin. Die quantitativen Zahlen vermessen unser Leben und unseren Kosmos von dieser zeitlichen Welt aus. Sie manifestieren sich als irdische Quantität der ewigen Qualität“.

Heini Ringger

Als Schluss ein Wort von Abraham Abulafia:

                                                                 

Das Ziel

Das Ziel der Heirat von Mann und Frau ist die Vereinigung
Das Ziel der Vereinigung ist Befruchtung
Das Ziel der Befruchtung ist Gebären
Das Ziel der Geburt ist Lernen
Das Ziel des Lernens ist, das Göttliche zu begreifen.

Abraham Abulafia
  1. Rudolf Steiner: Die Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen der Kulturvölker; GA 353 Vortrag v. 5.5.24 („Arbeitervorträge“) ↩︎

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